Bewusstes Lügen und Schwindeln sind für Gerlinde Lunzer dennoch ganz unterschiedliche Kaliber. "Schwindeln, das ist so ein spontaner Gefühlsausweg, um in einer Krise wieder die Oberhand zu bekommen, keine große, länger geplante Aktion wie eine handfeste Lüge", meint sie.

Immerhin sind echte Lügen intellektuelle Meisterleistungen. Um die Wahrheit manipulieren zu können, muss man sie nämlich erst einmal kennen. Dann muss man die Lüge im Vorhinein planen, die Tatsachen so verdrehen, dass sie dem eigenen Zweck dienlich sind, vom Gegenüber aber auch noch akzeptiert werden können. Dafür wiederum muss der Lügner sich in sein Gegenüber hineinversetzen können, seine Mimik, Gestik und Sprache entsprechend anpassen können und die verräterischen Spuren verwischen. All das ist ein unglaublicher Aufwand, den Kinder auch im Grundschulalter noch nicht perfekt beherrschen. – Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass man ihnen noch recht leicht auf die Schliche kommt.

Strafen bringen nichts

Aber warum lügen Kinder eigentlich? Hauptsächlich, um Bestrafung zu vermeiden und um so zu erscheinen, wie es sich die Eltern wünschen, da sind sich die Experten mittlerweile einig. Wenn nun also ein Kind dabei erwischt wird, dass es lügt und dafür bestraft wird, setzt sich ein wahrer Teufelskreis in Bewegung: Aus Angst vor Strafe wird noch mehr gelogen. Unangenehme Wahrheiten, die ans Tageslicht gelangen, lösen ja Strafen aus, haben die Kinder gelernt. Strafen bringen also genau gar nichts, im Gegenteil, sie machen es noch schlimmer, warnt Gerlinde Lunzer.

Die extrem emotionalen Reaktionen vieler Eltern auf die Lügen ihrer Kinder erklärt sie damit, dass wir alle dann besonders empfindlich sind, wenn uns ein Spiegel vorgehalten wird. Die Ursachen für die Lügen des eigenen Kindes bei sich selbst zu suchen, ist eben viel unangenehmer als ein Fernseh- oder Handyverbot auszusprechen. Auch die Angst vor dem Verlust der kindlichen Unschuld und der drohende Vertrauensverlust spielen dabei eine Rolle, erläutert Lunzer Erfahrungen aus der eigenen Praxis. "Und die meisten von uns werden dabei auch mit den eigenen kindlichen Erfahrungen mit Lügen konfrontiert, erinnern sich an die Reaktion ihrer eigenen Eltern." Aus dieser emotionalen Altlast auszusteigen und zu reflektieren, ist auch für Erwachsene nicht einfach.

Strafen sind jedoch nicht nur in Sachen Lügen problematisch, weiß sie. "Kinder, besser gesagt Menschen im Allgemeinen, brauchen Aufmerksamkeit. Kinder tun alles, um diese von ihren Eltern zu bekommen. Negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine, also machen sie dann eben Quatsch, nur damit sich ihre Eltern um sie kümmern."