Auf die Personalanwerbung spezialisierte Agenturen sind in Sofia seit Jahren allgegenwärtig. Sie mieten für Ihre Anwerbungskampagnen Konferenzräume in Hotels und fischen dort in allen Branchen die Besten heraus. Mit verheerenden Folgen für Bulga-rien: Seit 1990 hat das Land, das derzeit sieben Millionen Einwohner zählt, durch Migration über zwanzig Prozent seiner Bevölkerung verloren, damit kann Bulgarien weltweit einen traurigen Rekord verbuchen. Ob die Abwanderung schon zuvor ein Wunsch war oder auf die Bemühungen der "Kopfjäger" zurückgeht, lässt sich schwer abklären. Bei einer dieser Veranstaltungen treten verschiedene Agenturen auf, die vor allem für die westlichen und nördlichen Länder nach Gesundheitspersonal Ausschau halten. Das sorgt für Konkurrenzdruck, der im Raum schon nach kurzer Zeit eine Atmosphäre der Spannung schafft.

Diana Csiri von der rumänischen Rekrutierungsagentur EGV zieht am Ende des Tages Bilanz. Sie bezeichnet den Andrang bulgarischer Gesundheitsfachkräfte als riesig. Auf der Suche nach einer Stelle hätten sich bei ihr rund 300 Interessenten gemeldet, fast ein Drittel habe spontan einen Bewerbungsantrag ausgefüllt. Überraschend groß sei der Anteil erfahrener und spezialisierter Bewerber, sagt sie. Aber auch bereits Studierende äußerten die Absicht, nach dem Abschluss außerhalb Bulgariens zu arbeiten.

"Geeignete Kandidaten müssen die Sprache des Ziellandes gut beherrschen. Wer für den deutschsprachigen Raum ein Sprachdiplom des bulgarischen Goethe-Instituts vorweisen kann, hat gute Chancen, den Zuschlag zu erhalten", erläutert sie. Nach Auskunft von Sprachlehrpersonen stellen heute in vielen Kursen Ärzte und Pfleger die Mehrheit. Nicht nur das Geld lockt: "Praktisch alle erfolgreichen Bewerber haben im Gastland die Möglichkeit, sich weiterzuqualifizieren und Karriere zu machen", bekräftigt Diana Csiri.

Fast alle bulgarischen Gesprächspartner hätten durchblicken lassen, dass sie Arbeiten und Leben im Ausland auf ein paar Jahre begrenzen und nach ihrer Rückkehr mit dem Ersparten ein Haus bauen wollten. "Aber das ist ein weitverbreiteter bulgarischer Traum, meistens bleiben sie im Gastland", meint sie.

"Kulturschock"

Auch die britische Agentur Victor Wolf Ltd. umwirbt Fachkräfte, die im Gesundheitssektor des Vereinigten Königreichs eine berufliche Zukunft suchen. Geschäftsführer Max Wolf hält vor allem gezielt Ausschau nach passenden Krankenpflegern. Seiner Erfahrung nach unterschätzen viele Bewerber die Erfordernisse und Schwierigkeiten in den Gastländern. "Oft finden sie sich im neuen Umfeld nicht zurecht, weil ihnen niemand hilft, und erleiden dann einen regelrechten Kulturschock", gibt er zu bedenken.

Da selbst eine hervorragende Qualifikation für sich alleine genommen nicht garantiert, dass der berufliche und private Alltag reibungslos verläuft, prüft Wolf insbesondere, wie es um die Motivation der Kandidaten bestellt ist. "Wenn sie die Unterlagen ausgefüllt haben, müssen sie mir im Gespräch persönlich überzeugend darlegen, dass das, was da steht, auch stimmt", betont er. Um sich mit den Eigenarten und Gepflogenheiten Großbritanniens vertraut zu machen, bietet die Agentur vorab landeskundliche Kurse sowie Sprachausbildung an. Zudem können sich angehende Krankenpflegerinnen als "Au-pair" in eine Familie vermitteln lassen. Kommt der Arbeitsvertrag nicht zustande, erstattet die Agentur die Kursgebühren zurück.