Wie schwierig es für ausländisches Pflegepersonal ist, auf der Nordseeinsel beruflich Fuß zu fassen, zeigt die hohe Zahl an abgelehnten Kandidaten. Von etwa 40.000 Krankenpflegern, die sich nach Angaben der Rekrutierungsagentur in den vergangenen Jahren um eine Stelle bemüht hatten, haben demnach nicht einmal 300 den staatlich vorgeschriebenen zusätzlichen Qualifizierungskurs für ausländisches Personal bestanden.

Bulgariens größte Frauen- und Geburtsklinik "Maichin Dom" (Mütterhaus) wurde 1901 gegründet und zählt zu den ältesten Spitälern des Balkanlandes. Nicht nur Patientinnen, die in der staatlichen Krankenversicherung sind, haben dort Anspruch auf Behandlung, auch Privatpersonen werden gegen Bezahlung von ihren Leiden kuriert. Viktor Borissov Zlatkov leitete bis zu seiner Berufung als Rektor der Medizinischen Hochschule Sofia die Geschicke des Spitals, in dem jährlich im Schnitt 4000 Kinder das Licht der Welt erblicken. Fraglos zählt das Maichin Dom zu den nationalen Ikonen auf dem Gesundheitssektor. Sichert das hohe Ansehen jedoch auch genügend Pflegefachkräfte?

Verlorenes Prestige

Der Professor reagiert auf diese Frage ausweichend. Er könne gut nachvollziehen, dass jüngere und mobile Fachkräfte, die finanziell gut dotierte Angebote im Ausland erhielten, abwandern, stellt er nüchtern fest. Da jedoch Sofia als größte Stadt des Landes eine renommierte medizinische Hochschule beherberge, seien dem Maichin Dom bisher personelle Engpässe erspart geblieben.

Von solchen Zuständen kann man auf dem Land nur träumen. Dort suchen die mit knappen Budgets ausgestatteten Spitäler verzweifelt nach Fachkräften. Als Gegenveranstaltung zur Anwerbungsaktion der Agenturen organisiert die Medizinische Universität hin und wieder Treffen, bei denen Ärzten und Pflegepersonal eine Art nationale Stellenbörse angeboten wird.

Da gibt es zwar gewiss auch die eine oder andere attraktive Stelle als Alternative zur Emigration; allerdings hat der einst hoch angesehene Beruf in Bulgarien stark an Prestige verloren. Die seit Jahren angekündigte Reform des Gesundheitssektors, kritisiert Professor Stanka Markova, sei bisher auf Personalkürzungen vor allem zulasten des Pflegepersonals beschränkt worden.

Derweil überlegt die Regierung, wie sich die drohende Katastrophe doch noch abwenden lässt. So wurde angeregt, pensionierten Krankenpflegern vor allem auf dem Land den Wiedereinstieg schmackhaft zu machen. "Von den Krankenschwestern im Ruhestand arbeiten etliche sogar mit 70 Jahren weiter, einerseits weil der Personalmangel akut ist, andererseits weil sie mit der bescheidenen Rente nicht überleben können", gibt Stanka Markova zu bedenken.

Nach dem Vorbild der westlichen und nördlichen EU-Länder hat die Regierung angeregt, in der Türkei oder in den Ländern des indischen Subkontinents Ausschau nach Fachkräften zu halten. Eine nachhaltige Lösung des bulgarischen Mangels verspricht aber auch dieser Weg kaum, da der Großteil nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehrt.

Rückkehrwünsche bewegen Juliana Stankova derzeit nur selten. Sie hat die Arbeitsbedingungen in Deutschland inzwischen schätzen gelernt. "Bulgarische Pfleger haben im eigenen Land mehr und kompliziertere Aufgaben und damit mehr Verantwortung als in Deutschland, das empfinde ich hier als Entlastung", gibt sie offen zu. Schmerzlich vermisst sie im selbst gewählten Exil hingegen die Landschaften Bulgariens, die Lebensart und vor allem den Freundeskreis. "Aber man kann nicht alles haben im Leben", fügt sie lakonisch hinzu.