Die Nacht breitet ihren Mantel über eine verlassene Landstraße. Auf dem Pannenstreifen steht ein Wagen, das Rücklicht eingeschaltet, das Warndreieck aufgestellt. Davor hat sich ein Mann positioniert: markant, extravagant. Dunkle Brille, das weiße Haar nach hinten gefasst; er trägt ein weißes Hemd mit Stehkragen und schwarzer Fliege, ein schwarzes Jackett. Und über dem noblen Ensemble eine reflektierende gelbe Weste. Der Mann hat eine Botschaft: "Sie ist gelb, sie ist hässlich, sie passt zu nichts, aber sie kann Leben retten."

Als Frankreichs Regierung im Jahr 2008 die Mitführpflicht von Warnwesten einführte, lancierte sie eine großangelegte Plakatkampagne. Das Bild mit der eingangs geschilderten Szene ist ein Musterbeispiel französischer Kommunikationsstrategie. Mit Eleganz und feiner Ironie wurde die Maßnahme zur Erhöhung der Verkehrssicherheit als lässlicher, der Vernunft geschuldeter Stilbruch mediatisiert; als Botschafter hat man eine Stilikone engagiert, den am 19. Februar dieses Jahres verstorbenen Karl Lagerfeld.

Eugène Delacroix: "Die Freiheit führt das Volk" (Detail). Das Bild thematisiert die Julirevolution von 1830 und zeigt Marianne, die Republiks-Allegorie, mit der roten Phrygiermütze. - © Archiv
Eugène Delacroix: "Die Freiheit führt das Volk" (Detail). Das Bild thematisiert die Julirevolution von 1830 und zeigt Marianne, die Republiks-Allegorie, mit der roten Phrygiermütze. - © Archiv

Jeder Autofahrer hat diese Weste heute griffbereit. Ein profanes Utensil, dessen Warnfunktion nun eine politische Deutung erfuhr, und zwar von einem Gutteil jener Franzosen, die sich in ihren existenziellen Sorgen, ihrer Angst vor Armut von der Regierung Macron nicht wahrgenommen fühlen. Im Herbst des Vorjahres beschlossen sie, ihren Unmut öffentlich kundzutun. Seither ziehen sie allsamstäglich ihre gilets jaunes über und formieren sich zu Protestmärschen durch Paris und viele Städte der Provinz. Ein subtiler Fehdehandschuh an jene Macht, die das Kleidungsstück verordnet hat.

Gegen zu hohe Lebenshaltungskosten demonstrieren die "Gelbwesten", gegen zu hohe Steuern, für mehr Demokratie und mehr soziale Gerechtigkeit. Mitunter wirken ihre Forderungen etwas widersprüchlich, eine aber kehrt häufig wieder: Macron muss weg.

Der Präsident ist freilich noch da, wenngleich zunehmend unter Druck. Und reagierte mit ersten Hilfen für Geringverdiener und Pensionisten sowie mit der Einladung zum Grand débat, zur großen Debatte, bei der Bürger und Bürgerinnen ihre Anliegen, Sorgen, Vorschläge vortragen sollen. Die Gelbwesten sehen in dieser Geste ein Scheinmanöver und lehnen den angebotenen Dialog ab.

Auslöser der Bewegung waren Facebook-Initiativen. Ein Fernfahrer hatte zu Straßenblockaden gegen die geplante Treibstoffsteuererhöhung aufgerufen, ein südfranzösischer Techniker schlug Gleichgesinnten vor, zum Zeichen des Protests die gelbe Warnweste auf das Armaturenbrett ihres Autos zu legen.