Zweitens richtete sich die Kritik vor allem auf die Beispiele. Sie seien schon überholt gewesen, kaum war das Buch draußen, denn die Befragungen, auf denen es beruht, stammen aus den 1960er und frühen 1970er Jahren. Schon die von Bourdieu nur am Rande erwähnten Revolten von 1968 hätten Sitten und Gebräuche dermaßen durcheinandergewirbelt, dass mit der Kleiderordnung gleichsam auch die gesellschaftliche Ordnung flexibler geworden sei.

Die dritte Kritik setzt an den allgemeinen Dynamiken von Herrschaft an. Die im Alltag gelebte Distinktion sei bei Weitem nicht so entscheidend für die Stabilität der Verhältnisse wie etwa ökonomische Zwänge und die Kulturindustrie. Diese zweite und dritte Kritik wird im deutschsprachigen Raum heute von Vertretern der Kritischen Theorie erneuert.

Der Philosoph Gernot Böhme etwa sieht in seinem Buch "Ästhetischer Kapitalismus" (2016) zwar auch eine "Wiederkehr des Geschmacks als sozialer Distink-
tionsstrategie". Allerdings verliefen die Abgrenzungen nicht mehr zwischen vertikal angeordneten Klassen, "sondern horizontal zwischen Gruppen aus den jeweils selben Schichten".

Jugend-Subkulturen

Am Beispiel jugendlicher Subkulturen, meint Böhme, ließe sich zeigen, dass es eine "Auflösung von Hierarchien durch diese neuen Formen ästhetischer Distinktion" gebe: Die Hippies haben die entlegensten Mittelmeerstrände für den Tourismus erschlossen, Punks fungieren als Trendsetter der Mode, Künstlerinnen und Künstler werten die heruntergekommenen Stadtviertel auf. Alles steht unter dem Zeichen der Kulturindustrie: Sie "greift Distinktionsmerkmale einer Gruppe auf, macht sie zur Ware und stellt sie damit jedermann zur Verfügung", meint Böhme.

Ähnlich argumentiert die Soziologin Christine Resch. Auch sie sieht eine Auflösung von Hierarchien und stattdessen die allgemeine, gleichmachende Tendenz der Kulturindustrie walten. In ihrem Buch "Schöner Wohnen: Zur Kritik von Bourdieus ,feinen Unterschieden‘" (2012) versucht sie am Beispiel von Wohnungseinrichtungen aufzuzeigen, dass Geschmack sich nicht in Abgrenzung zwischen Klassenpositionen entwickle, sondern "zu einem erheblichen Teil durch das kulturindustrielle Angebot" hergestellt wird. Bezogen auf die Gegenwartsgesellschaften der letzten Jahrzehnte behauptet sie deshalb, der "‚legitime‘ Geschmack verlor rasant an Verbindlichkeit".

Das Argument ist einfach: Die Kulturindustrie mache ohnehin alles zur Ware - und die kulturellen Unterscheidungen seien daher "nicht mehr in einer gesellschaftlichen Hierarchie" (Böhme) zu werten. Aber ist diese Argumentation auch einleuchtend? Der Mensch in der Kulturindustrie tendiert bloß noch dazu, "fungibel, ein Exemplar" zu sein, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1944 unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Hollywood-Film schrieben.

Aber schließt das den Wunsch, den kollektiven Drang oder auch die ökonomische Notwendigkeit, anders zu sein, wirklich aus? Wohl kaum. Sonst bräuchte es keine Pionierleistung von Subkulturen für Tourismus, Mode und Stadtentwicklung.