Der Gleichmacherei-These der Kritischen Theorie müsste entgegengehalten werden, dass Differenzen im Lebensstil kulturell betont und ökonomisch ausgeschlachtet werden wie nie zuvor. Es gibt eben doch sehr unterschiedliche Waren mit sehr verschiedenen Effekten. Und dabei bringen durchaus die Distinktionen, wie Bourdieu schrieb, die faktischen sozialen Unterschiede, "Ränge, Ordnungen, Grade und sonstigen symbolischen Hierarchien" zum Ausdruck.

Auch die Annahme, mit der Kulturindustrie würden kulturelle Hierarchien eingeebnet und für Herrschaft bedeutungslos, erweist sich als falsch. Die Hierarchien haben sich keineswegs aufgelöst. Eine Distinktion, die nicht auch wertet, ist schon theoretisch kaum vorstellbar. Aber auch praktisch haben sich die sozialen Hierarchien als sehr resistent erwiesen. Punks mögen die Mode inspiriert haben, an die Spitze der Modeindustrie gelangt man als Punk jedoch nicht.

"Legitimer Geschmack"

Auch die sogenannte Kreativindustrie ist da kein Gegenbeispiel. Man ist zwar flexibler und mobiler als in der Bürozelle, dennoch sind es auch hier die Normen, Werte und Gewohnheiten der herrschenden Klassen, die zählen. Dabei ist selbstverständlich der "legitime Geschmack" inhaltlich nicht mehr derjenige, der in "Die feinen Unterschiede" noch beschrieben wurde. Der "legitime Geschmack" entwickelt sich schließlich auch weiter: kubanische Zigarren und Rolex-Uhren haben längst ihre Pendants gefunden, ebenso wie Tennis, nachdem die Mittelklasse in den 1970er Jahren die Klubs und Plätze stürmte.

Wer die Stabilität von Herrschaft heute verstehen will, darf sich nicht auf jene Stellen bei Horkheimer und Adorno kaprizieren, die die Wahl der Konsumgüter und Ideologien als "die Freiheit zum Immergleichen" ausweisen. Das viel zitierte Kapitel "Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug" aus der "Dialektik der Aufklärung" (1944) hat durchaus mehr zu bieten. Denn auch die Vordenker der Kritischen Theorie dachten das Soziale nie als unbewegliche, statische Angelegenheit. Die Existenz im Spätkapitalismus vollzieht sich dementsprechend nicht von selbst, sie muss eingeübt und ansozialisiert werden. Sie ist, wie Horkheimer/Adorno schreiben, "ein dauernder Initiationsritus".

Diese Übung sozialen Handelns wird praktisch erfahren und gelebt. Um das Moment der Praxis geht es nicht zuletzt auch Bourdieu. Er hat immer wieder betont, dass die "Anpassung an die objektiven Möglichkeiten" sich in körperlicher Praxis vollzieht. Und die unterscheidet sich nun einmal sehr danach, in welchen sozialen Verhältnissen man sich bewegt und zu Hause fühlt. Bis heute.

Wie aber nun Konformität und Anpassung durchbrochen oder gar überwunden werden können, dazu geben weder "Die feinen Unterschiede" noch das Kulturindustrie-Kapitel und seine Fans wirklich gute Hinweise.