Eindrückliche Bildessays, aufrüttelnde Sozialreportagen, viel Unterhaltung: "Der Kuckuck". - © Archiv Holzer
Eindrückliche Bildessays, aufrüttelnde Sozialreportagen, viel Unterhaltung: "Der Kuckuck". - © Archiv Holzer

Nicht von einem Vogel namens Kuckuck, sondern von einer Zeitung ist hier die Rede. Ungewöhnlich ist nicht nur der Name dieses Blattes, und bis heute ist nicht wirklich geklärt, wie er zustande kam. Ungewöhnlich ist auch das äußere Erscheinungsbild: geklebte, zusammengesetzte Bilder - Fotomontagen, ergänzt durch zugespitzte Texte. Scharfzüngige Bildberichte, die aufrütteln, verändern wollten. Das war damals vollkommen neu in der österreichischen Publizistik.

"Der Kuckuck", so hieß besagte Zeitung, wurde 1929 gegründet. Sie wurde nur knapp fünf Jahre alt. 1934 wurde sie von der christlichsozialen Diktatur verboten. Man könnte dieses kurzlebige Medium, das vom Journalisten Siegfried Weyr geleitet wurde, als kleine Episode in der österreichischen Zeitungsgeschichte abtun. Doch Halt: "Der Kuckuck" war nicht irgendeine Zeitschrift, sondern ein seinerzeit berühmtes Flaggschiff der engagierten Bildberichterstattung. In Österreich war sie ohne Vorbild und Konkurrenz. Und auch international eilte ihr ein avantgardistischer Ruf voraus.

"Der Kuckuck" stand für innovative Bild- sowie gewitzte und oft propagandistisch zugespitzte Umschlaggestaltungen - und generell für ein großes Interesse an der modernen Fotografie. Bis heute gilt "Der Kuckuck" in der internationalen Fotoszene als Geheimtipp, die Zeitung wird in internationalen Foto-Ausstellungen immer wieder als frühes Beispiel eines engagierten Fotojournalismus angeführt. Gerade weil das legendäre Archiv der Zeitschrift verloren ist, genießen einzelne Ausgaben, die im Antiquariat noch erhältlich sind, geradezu Kultstatus.

Auflagenstark

Und dennoch: Trotz dieses erheblichen Interesses ist die Zeitschrift hierzulande nur wenig bekannt. Zwar erschien vor über zwanzig Jahren eine eingehende und verdienstvolle, leider längst vergriffene wissenschaftliche Studie von Stefan Riesenfellner und Josef Seiter über den "Kuckuck". Aber sie konnte das Blatt des Vergessens nicht wirklich wenden.

"Der Kuckuck" war ein Sprachrohr des "Roten Wien" und zugleich der Versuch der österreichischen Sozialdemokratie, angesichts der Übermacht der bürgerlichen Presse eine große linke Illustrierte für ein Massenpublikum zu produzieren. Das Konzept stammte von Julius Braunthal und Siegfried Weyr, die ab 1927 an der Konzeption des Blattes arbeiteten. Knappe, plakative Berichte, eindrückliche Bildessays, aufrüttelnde Sozialreportagen, aber auch viel Unterhaltung. Das war die Erfolgsmischung des Blattes. Zielgruppe war die breite, leseungewohnte Masse, die für Boulevard-Medien empfänglich und zugleich mit der textlastigen "Arbeiter-Zeitung" überfordert war. "Der Kuckuck" war leicht zu lesen, denn er setzte ganz auf Bilder. Zahlreiche bekannte Fotojournalisten (unter ihnen kaum Frauen) publizierten darin.