Das Ende des Ersten Weltkriegs hinterließ Wien mit einer komplett gebrochenen politischen Identität. Wien galt in den Monaten und Jahren danach als "sterbende Stadt". Jakob Reumann, der erste sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, fasste die Lage bei seinem Amtsantritt am 22. Mai 1919 in die dramatischen Worte: "Vielleicht keine Stadt der Erde hat infolge des Krieges so viel gelitten wie unser Wien. Nirgends wurde so viel gehungert wie hier, nirgends holt sich die Tuberkulose so viele Opfer wie in Wien." Journalisten aus aller Welt kamen, um das Elend zu besichtigen und Schilderungen und Hilfsappelle von der "sterbenden Stadt" zu verbreiten.

Es gehört zu den merkwürdigen Phänomenen der Umbruchszeit, dass Wien trotz der schlimmen Versorgungskrise an der Zuschreibung, eine der ganz großen Kulturmetropolen in der Welt zu sein, mit großer Kraftanstrengung festhielt. Die im Kulturbetrieb Tätigen und auch die politisch Verantwortlichen der ehemaligen Reichshaupt- und Residenzstadt waren fest entschlossen, weiterhin zu zeigen, dass es in der internationalen Welt als Stadt der Künste, der Musik, der Theater, der kulturellen Begegnung, der musikalischen Unterhaltung, als Stadt der großen Geister und des guten Geschmacks zu gelten habe.

Die gelebte Beschwörung dieser Tradition schuf innerhalb aller Unsicherheiten und Miseren Selbstbewusstsein und Zukunftsgewissheit, befeuerte den Glauben, den traurigen Nachkriegsalltag bald überwinden zu können.

Ideelle Erhöhung

Ein Theaterbesuch führte über den Alltag hinaus, gab ihm eine Aura der festlichen Besonderheit, verschaffte Zerstreuung und Sammlung. Wie der außerordentliche Publikumsandrang bestätigte, hatten die Menschen auch in den Hungerjahren nach der Republiksgründung ein Bedürfnis nach dem Gemeinschaftserlebnis, das die Theater boten. Kunst und Unterhaltung waren ein Mittel, ein wenig Freude und Glanz in das schwierige Leben zu bringen und den Überlebenskampf ideell zu erhöhen. Trotz der miserablen Lebensbedingungen gaben die Bewohner lieb gewonnene Gewohnheiten nicht auf; die Teilnahme am Kulturbetrieb blieb substanziell für die Identität der Stadt und suggerierte, dass das "sterbende Wien" nur eine Übergangsphase war.

So wie die Gesellschaft den Mythos von der Kunst-, Theater- und Musikstadt lebte und die Medien ihn nach Kräften durch breite Berichterstattung stützten, hielten Politiker und Verwaltungsbeamte quer über alle politische Gräben hinweg die Bedeutung des Kulturbetriebs hoch, sahen ihn als Motor des Fremdenverkehrs, erkannten in ihm in vielerlei Hinsicht (wirtschaftlich, politisch, mental) ein Alleinstellungsmerkmal mit viel Zukunftspotential.