Beim Burgtheater, hier um 1920, blieb die Repräsentationsfunktion auch nach dem Krieg unangetastet. - © ullstein bild - United Archives
Beim Burgtheater, hier um 1920, blieb die Repräsentationsfunktion auch nach dem Krieg unangetastet. - © ullstein bild - United Archives

Wien existierte trotz allen Elends als Kulturmetropole weiter, in die nicht nur die Spekulanten fuhren, um dort billig Antiquitäten und Bilder aufzukaufen. Wien wurde international als Musik- und Theaterstadt respektiert. Mit den Schreckensnachrichten über den Hunger in Wien gingen auch über die Fernschreiber die neuesten Theater- und Opernberichte hinaus. Es waren erstklassige Autoren wie Alfred Polgar, Robert Musil oder Anton Kuh, die die Leser mit langen Berichten in den Berliner, Frankfurter oder Prager Zeitungen über den Wiener Kulturbetrieb informierten.

Angereiste Touristen, die in den Zeitungen von der Bettelstadt lasen, registrierten verwundert, dass die Theater voll und die Nachfrage nach Vergnügungen aller Art ausgeprägt waren. Wien feierte sich selbst als führende deutsche Kulturstadt. Sollte auch die Hauptstadtfunktion im proklamierten "Anschluss" weitgehend verloren gehen, so wollte man zumindest bei der Eingliederung ins Deutsche Reich eine Sonderstellung als zweite deutsche Hauptstadt behaupten und als Kulturhauptstadt Berlin überstrahlen.

Überangebot

Es gehörte zu den bizarren Widersprüchlichkeiten der Umbruchsphase, dass in dieser "sterbenden Stadt", deren Einwohnerzahl sich von 2.199.000 bei Kriegsausbruch auf 1.868.000 im Jahr 1925 vermindert hatte, der Kultur- und Unterhaltungsbetrieb sich keineswegs reduzierte, ja im Gegenteil der Kulturbetrieb sogar expandierte.

Ruinöser Bedeutungsverlust und existenzielle Krise, auch der Rückgang im Fremdenverkehr, fanden kein Äquivalent in der Verminderung der Kulturangebote und Unterhaltungsmöglichkeiten, sodass Finanzstadtrat Hugo Breitner von einem "ungeheuren Überangebot" und einer "Überkonkurrenz" sprach. Wien erlebte nach dem Krieg eine für die Zwischenkriegszeit charakteristische Prosperität des Eventsektors; zum traditionellen Theaterbetrieb kamen als Massenspektakel Kinos, Vergnügungslokale und Fußballplätze hinzu.

Breitner wunderte sich 1925 darüber, dass seit 1914 neun neue Theater dazu gekommen waren (unter anderem Stadttheater, Redoutensaal, Akademietheater, Modernes Theater, Schönbrunner Schloßtheater) und zusätzliche 3500 Zuschauerplätze Abend für Abend besetzt werden mussten.

Auch ehemalige Vergnügungslokale wie "Max und Moritz" oder das Budapester Orpheum versuchten sich nun als Sprechbühnen und erweiterten nochmals das Theaterangebot. Statt 6230 Konzertplätzen standen 1925 9206 zur Verfügung. Der "Lehmann", das Wiener Adressverzeichnis, listete regelmäßig die Sitzpläne und Preise der wichtigsten Wiener Veranstaltungshäuser auf; seine Angaben waren keineswegs komplett, aber allein die in ihm versammelten Theater und Konzertsäle wiesen 1920 ein Angebot von beinahe 27.000 Sitzplätzen aus. Nimmt man die reiche Kleinbühnenszene (Theaterhistoriker zählten ungefähr 200 Bühnen) dazu, so werden es wohl Angebote für weit über 30.000 Zuschauer gewesen sein.

Hinzu kamen die vielen Vergnügungsetablissements, wie das Ronacher, die Sophiensäle oder die großen Säle und Theater im Prater (etwa das Metropoltheater für 1280 Personen). Die Kapazitäten in den Zirkushallen, die 1914 etwa 1500 betragen hatten, vermehrten sich nach 1918 um 10.000 Plätze! Das Kino zog ein neues Massenpublikum an, hier erfolgte eine Steigerung von 53.895 Plätzen auf 66.885. Und es gab im Jahr 1925 bereits 47 Bars.