Im Wiener Burgtheater, 1918. - © Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com
Im Wiener Burgtheater, 1918. - © Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com

Vor dem Krieg waren Einrichtungen wie Konzertrestaurants und Konzertcafés nahezu unbekannt, Mitte der 1920er Jahre zählte die Stadtverwaltung mehr als 200 solcher Etablissements, in denen täglich Musik gespielt wurde. Die Innenstadt war voll mit Lokalen, in denen Jazz, die neue Unterhaltungsmusik, gespielt und auch getanzt wurde. An den Wochenenden schwirrten unzählige Gelegenheitsmusiker aus, um ein wenig Zubrot zu verdienen.

Proletarisierte Künstler

Die Leidtragenden des überdimensionierten Kulturbetriebs waren die proletarisierten Musiker, Tänzer, Schauspieler und Bühnenarbeiter. Sie lebten mit kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen, hatten keinen Urlaub, wurden beliebig eingestellt und wieder entlassen, in unbezahlte und unerwünschte Ferien geschickt, ihre Gehälter blieben hinter der galoppierenden Inflation zurück. Sie wollten zumindest so viel verdienen, dass sie von ihrer Arbeit leben konnten, und prangerten die Gagen an, die Stars kassierten.

Entsprechend dem Zeitgeist organisierten sie sich gewerkschaftlich und sprachen sich für eine "Sozialisierung der Theater" aus. Schauspieler hatten die Garderobe selbst beizustellen, ja sogar selbst für die Frisur zu sorgen. Sie sicherten sich das Überleben durch Mehrfachbeschäftigung und Engagements im hektisch produzierenden Film-, Vergnügungs- und Kabarettbetrieb.

Die neue Republik hatte ein massives Versorgungsproblem, das alle politischen Entscheidungen überlagerte. Bis 1918 basierte Wiens Energieversorgung im Wesentlichen auf tschechischer Steinkohle. Schon während des Krieges funktionierten die Importe nur begrenzt, nach dem Krieg gab es Tage und Wochen, in denen die Zulieferung gänzlich unterblieb oder sich auf einen Bruchteil dessen beschränkte, was die österreichische Hauptstadt zur Abdeckung ihrer Heizbedürfnisse brauchte.

Die Menschen froren und hungerten, die Eisenbahnen konnten nicht fahren, der Straßenbahnbetrieb war reduziert, die Industrie lahmte, die Straßenbeleuchtung war teilweise abgeschaltet, tageweise sperrten die Schulen, in den Privathaushalten fehlte es an Möglichkeiten, ausreichend zu heizen und zu kochen. Die österreichischen Braunkohlegruben waren viel zu unergiebig, um hier Ersatz zu schaffen. Das manifeste, viele Jahre verbleibende Symbol für das elende, frierende Wien war der abgeholzte Wienerwald. Tausende schleppten in Rucksäcken, Taschen und Bündeln schlecht brennende Äste und Scheite nach Hause, um sich ein wenig Wärme zu verschaffen und notdürftig zu kochen.

Von der zugespitzten Kohle- und Energiekrise zwischen Oktober 1918 und Frühjahr 1920 waren auch die Theater und die Opernhäuser massiv betroffen. Die Kohlennot erzeugte die Theaternot. Mit Verweis auf die betriebswirtschaftliche Situation zwangen Theaterdirektoren die Politik, eine Totalsperre der Theater abzuwenden. Es gab viele Schließtage (im Oktober 1918 etwa elf Tage wegen der Grippeepidemie, im Dezember 25 Tage wegen Kohlenmangels), aber eine längere, totale Sperre wurde verhindert.