Lucie Weidt als Amme in "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss. Wiener Staatsoper, 1920. - © Franz Xaver Setzer / Imagno / picturedesk.com
Lucie Weidt als Amme in "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss. Wiener Staatsoper, 1920. - © Franz Xaver Setzer / Imagno / picturedesk.com

Natürlich ging es da auch darum, den riesigen Kulturbetrieb in Gang zu halten, den Schauspielern und Sängern Beschäftigung zu geben und sie vor dem Hunger zu bewahren, aber darüber hinaus hatte die (jedenfalls zum Teil) abgesagte Drosselung des Theaterbetriebs auch hohen Symbolgehalt. Das zumindest partielle Offenhalten sollte eine starke Manifestation sein, dass Theater und Kinos und das in ihnen stattfindende Gemeinschaftserlebnis den Lebenswillen dieser Stadt unter Beweis stellten.

Tageszeitungen wie die bürgerlich-demokratische "Zeit", schrieben gegen die "Kohlenpuritaner" an, die der Wiener Bevölkerung das Vergnügen nehmen wollten und allzu schnell mit der Unterstellung aufwarteten, dass sich in den Theatern nur Schieber und Kriegsgewinner einfänden:

"Wer in den Tagen, in denen unsere Not am höchsten war, in denen die Leute zu Hause froren, im Finstern saßen, nicht sattzuessen hatten, wer in den Theatern, Kinos und Variétés Beobachtungen machte, der weiß, daß sogar auf den teuren Plätzen Angehörige der minderbemittelten Klassen zu finden waren. Es ist zweifellos, daß die Aermeren verhältnismäßig große Opfer brachten, weil ihnen das bißchen Vergnügen gerade in der Trostlosigkeit ihres übrigen Lebens ein Bedürfnis war, dessen Befriedigung sie sich nicht absparen möchten, den schwer Beladenen aber diese letzte Zuflucht des Vergessens auf ein paar Stunden nicht zu drosseln, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, erscheint sowohl ein Gebot der Menschlichkeit als der politischen Klugheit."

Die politischen Eliten an der Staatsspitze waren sich darin einig, dass alles nur Erdenkliche getan, vor allem das notwendige Budget bereitgestellt werden müsse, um die Hoftheater im alten Umfang weiterzuführen. Die Diskussion über ihre zukünftige Organisation und die Bestellung der Direktoren zeugten davon, dass sich die Republik nicht mit zweitklassigen Lösungen zufriedengeben wollte. Mit der Republiksgründung sollten, so die Absicht, Burgtheater und Staatsoper ihren Ruf als erste Bühnen des gesamten deutschsprachigen Raums wiederherstellen.

Adolf Vetter, der durch Otto Glöckel bestellte führende Theatermanager der Republik, war beauftragt, die Fortführung der Hoftheater als Staatstheater umzusetzen. Als problematisch wurden die hohen Zuschüsse von fünf Millionen Kronen gesehen. Verschiedene Modelle wurden in Gesprächen und auf Papieren durchgespielt, um die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen zu verkleinern. Ein Ansatz dazu war die stärkere Auslastung des Burgtheater-Ensembles durch eine Ausweitung des Spielbetriebs (Akademietheater, Schönbrunner Schloßtheater, Redoutensäle).