Vetter beschäftigte sich auch mit der Zusammenlegung von Staatsoper, Theater an der Wien und Volksoper oder plante die Gründung einer eigenen Filmgesellschaft, um aus dem neuen Medium vermehrt Einnahmen zu lukrieren.

Gleichzeitig mit ihrer Umwandlung in Staatsbetriebe sollte an den ehemaligen Hoftheatern ein künstlerischer Aufbruch auf den Weg gebracht werden. Zeitgleich mit der Konstituierung einer deutschösterreichischen Regierung wurde im Oktober 1918 ein Wechsel in der Führung der Hofoper und des Hoftheaters eingefädelt. Während in Wien auf der großen politischen Bühne das Drama von der Auflösung des Habsburgerreiches gespielt wurde, endete in der Hofoper die Amtszeit von Hans Gregor, der seit 1911 das Haus routiniert und durchaus erfolgreich geleitet hatte.

Das neue Direktorengespann Franz Schalk und Richard Strauss sollte der Wiener Oper im internationalen Musikbetrieb wieder Glanz und Geist einhauchen und die große Tradition des Hauses wieder beleben.

Der mit dem österreichischen Musikbetrieb bestens vertraute Franz Schalk, Schüler Anton Bruckners, der erste Dirigent in der Ära Gustav Mahlers, der Organisator von Konzertreihen, sollte ab 15. November 1918 der Mann des tagtäglichen Betriebs sein. Ihm zur Seite gestellt wurde Richard Strauss, der international bekannteste Komponist des deutschsprachigen Musiktheaters. Strauss, der bis Mitte 1919 an die Berliner Staatsoper gebunden war, sollte, so die Absicht, der Staatsoper sowohl als Komponist als auch als Dirigent den höchsten Anspruch zurückgeben.

Die neue Staatsoper

Die Sängerin Maria Jeritza und der Komponist Giacomo Puccini. Wien, 1922. - © ullstein bild - Imagno
Die Sängerin Maria Jeritza und der Komponist Giacomo Puccini. Wien, 1922. - © ullstein bild - Imagno

Die neue Staatsoper brachte es zuwege, dass sie sich im Frühjahr 1919 als Ort der Tradition präsentierte. Während das politische Geschehen durch Wahlen, kommunistische "Putschversuche", natürlich auch die Pariser Friedensverhandlungen auf- und durchgerüttelt wurde, zelebrierte die nun umbenannte "Staatsoper" zwischen Mitte Mai und Mitte Juni 1919 mit 22 Festaufführungen, unter Aufbietung aller Stars wie Maria Jeritza, Lotte Lehmann, Alfred Piccaver, das 50-jährige Bestehen des Hauses.

Im Oktober 1919 kam die als sensationell gewertete Uraufführung der "Frau ohne Schatten" heraus. 1920 fand unter Beteiligung der Staatsoper das erste große Musikfest der Gemeinde Wien statt, Puccini ("Tosca", "La Bohème") wurde erstmals nach der kriegsbedingten Verbannung des italienischen Komponisten wieder aufgeführt, die Präsentation von Schönbergs Gurre-Liedern war einer der künstlerischen Höhepunkte.

Beim Burgtheater blieb die Repräsentationsfunktion unangetastet, führte aber schnell zu Konflikten. Der Anspruch der eigenen künstlerischen Exzellenz kollidierte mit der internationalen Ausstrahlung Max Reinhardts, der vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen Berliner Aufführungen und seiner Direktion am Deutschen Theater Ansehen und Ambition der Theaterstadt Wien längst überholt hatte. Die Beteiligung an der Gründung der Salzburger Festspiele (Planungen bereits 1917, erste Aufführungen August 1920) galt als Reinhardts erster Schritt der Rückkehr nach Österreich. Schon seit 1917 gab es Bestrebungen, ihn für das Burgtheater zu gewinnen und nach Wien, seiner Heimatstadt, wieder zurückzubringen.

Nach dem Krieg wurden die Gespräche intensiviert, im Jänner 1921 gab es erste vertragliche Vereinbarungen, aber ein von Direktor Albert Heine angestrebtes Engagement scheiterte daran, dass sich das angestammte Ensemble gegen eine Übernahme wehrte. Reinhardt wollte Teile seines Ensembles mitbringen. Seine Vorstellungen konnte er, nach ersten Pilotprojekten in den Redoutensälen (1922), erst mit der Übernahme des Theaters in der Josefstadt (1924) realisieren.