"Warum stehen deine Haare so vom Kopf ab? Kommt das vom Denken? Wenn ja, dann ist das nichts für mich. Ich hab’ nämlich am Wochenende Erstkommunion." So oder so ähnlich kann es klingen, wenn man sich vornimmt, Kindern das Philosophieren näherzubringen. Die Philosophin Gabriele Ruf-Zoratti hat sich genau das zur Aufgabe gemacht. Mehrmals wöchentlich arbeitet sie mit Kindern zwischen fünf und fünfzehn Jahren in Kleingruppen. Bei den Gesprächen geht es um alles und nichts, um das Leben, den Tod. Vor allem aber geht es um’s Denken.

Ziel ist es, den Kindern von jüngstem Alter an die Möglichkeit zu geben, selbstständig Gedanken zu entwickeln und diese weiterzuverfolgen. Eine Fähigkeit, die im herkömmlichen Schulsystem nur begrenzt gefördert werde, wie Ruf-Zoratti findet. Sie selbst kennt dieses nur zu gut, hat viele Jahre in einer Sonderschule gearbeitet und festgestellt, dass im Rahmen der Schule das Hinterfragen von Sachverhalten, sprich das eigenständige Denken, einfach zu kurz kommt, weil die Reproduktion von Wissen und Fakten naturgemäß im Vordergrund steht. Aus diesem Grund hat sie nach zwanzig Jahren Schuldienst beschlossen, den Kreidestaub vom Gewand zu klopfen und einen anderen Weg einzuschlagen.

Nun sitzt sie wöchentlich inmitten von Kindern, die von ihr wissen wollen, ob sie glaubt, dass Gott Vegetarier ist, und die ihr erklären, dass er es wohl sei, weil in den Gräbern doch immer nur die Knochen übrigblieben. Doch so verlockend es auch sein mag: Ruf-Zoratti gibt keine Antworten. Das ist eine der Grundregeln ihrer Arbeit. Fragen stellen ja, Antworten geben nein. Hinführen zu einem Denken, aber keine eigenen Meinungen äußern.

Gedankenspiele

Ruf-Zoratti hat zu diesem Zweck die Kinderbuchreihe "Die kleine Eule Denkmalnach" geschrieben und illustriert. Präsentiert werden darin Situationen, die Kindern vertraut sind, gefolgt von Gedankenspielen, die vielfältige Themenkreise zum Nachdenken anbieten. Etwa jene, in der die kleine Eule Angst hat vor ihrem ersten Flug und sich schließlich doch überwindet. Die Gedankenspiele dazu lauten: "Kennst du das Wort ‚selbstsicher‘? Was kann es bedeuten?", oder: "Was ist das Selbst?".

Das Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen ist nur eine von vielen Säulen der sogenannten Philosophischen Praxis, die sich natürlich auch an Erwachsene wendet. Sie grenzt sich ab von jeglicher Form von Therapie oder ärztlicher Behandlung. Die Kunden sind keine Patienten, sondern eben Klienten. Für ihr Geld bekommen sie Gespräche, die ihnen in schwierigen Lebenssituationen helfen sollen.