Die Griechen waren die Ersten, die Kosmos und Welt mit Mitteln der Rationalität erkannten, wie hier der Astronom Hipparchos von Nicäa. Farblithographie, Louis Figuier, 1881. - © Getty/Leemage
Die Griechen waren die Ersten, die Kosmos und Welt mit Mitteln der Rationalität erkannten, wie hier der Astronom Hipparchos von Nicäa. Farblithographie, Louis Figuier, 1881. - © Getty/Leemage

Gehen wir zunächst auf die Geschichte Europas ein. Werte fallen ja nicht vom Himmel oder stehen dort wie Sterne -, das hat die frühere platonische und auch christliche Wertlehre einmal geglaubt. Werte sind Produkte der menschlichen Kulturgeschichte. Sie entstehen in dieser und prägen diese dann auch. Ich unterscheide im Folgenden drei zentrale Wertefamilien als Leitwerte der europäischen Kulturgeschichte. Ich spreche von Wertefamilien, nicht Systemen. Werte bilden keine streng systematischen Zusammenhänge, stehen eher in einem lockeren Verwandtschaftsverbund. Man sagt ja, der oder jener Wert ist mit diesem "verwandt".

Die drei zentralen europäischen Wertefamilien sind (1) die in der griechischen Antike entstandene Wertefamilie der europäischen Rationalitätskultur, (2) die Wertefamilie der Religion, in Europa speziell der jüdisch-christlichen, und (3) die am spätesten entstandene Wertefamilie des nationalen Patriotismus.

Erfindung des Denkens

Gehen wir zunächst der ersten Wertefamilie nach. Ihr wichtigster Leitgedanke ist die Erfindung des eigenen Denkens. Die griechische Philosophie-Wissenschaft - sie war damals noch eins und ungetrennt - war überhaupt die erste Kulturbewegung in der Geschichte der Menschheit, die den Kosmos, die Welt, nur mit den Mitteln der Rationalität erkennen wollte. Nicht, dass andere Weltkulturen nicht auch eigenständig gedacht hätten. Aber alle Weltkulturen bis zu den Griechen haben die Welt mythisch erklärt, als Werke der Götter oder eines Gottes. Die Griechen haben die Welt aus diesseitigen, erkennbaren "Prinzipien" rational zu erklären versucht: Sie ist aus Wasser, Feuer, Atomen oder Zahlen zusammengesetzt.

Insbesondere die letzte Hypothese - entwickelt von den Pythagoreern - hat die Welt seitdem nachhaltig verändert. Die Griechen gingen daran, den Raum geometrisch zu vermessen, Städte, aber auch Kriegsformationen geometrisch anzuordnen, sie entwickelten die Geldwirtschaft, sie erfanden eine rational-wissensbasierte Kultur - und das ist unsere Leitkultur bis heute geblieben.

Diese war sogar über die Jahrhunderte hinweg so erfolgreich, dass sie heute den Globus beherrscht. Die Welt wird mathematisiert, digitalisiert, computerisiert, roboterisiert, und Europa steht dabei gar nicht mehr in der vordersten Front. Andere Länder wie die USA, Japan, China, Indien haben die einst europäische Leitkultur der mathematischen Naturwissenschaften und Technik übernommen und bilden darin nun vielfach die Avantgarde.

Rationalitätskultur

Die mit der Rationalitätskultur verbundene Wertefamilie - insbesondere das naturwissenschaftliche Denken und dessen technische Umsetzung - definieren auch Standards des Wohlstandes und der Armut in der Welt. Grob und vereinfacht gesprochen: Die nördliche Hemisphäre der Erde mit ihrem hohen Standard an Rationalitätskultur verfügt auch über Reichtum und einen hohen Lebensstandard; andere Kulturen, vor allem in den südlichen Hemisphären, die weniger gut damit zurechtkommen, einen deutlich geringeren.

Eigenes Denken setzt auch neue politische Maßstäbe: Die Griechen haben ihre Tyrannen vertrieben, in den historischen Schlachten von Marathon 490 v. Chr. und Salamis 480 v. Chr. die persische Satrapie aus Griechenland zurückgeschlagen und so die auf dem eigenen Denken und Handeln begründete freiheitliche Demokratie allererst begründet und verteidigt. Weitere Werte der Wertefamilie der Rationalitätskultur sind Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die Suche nach Wahrheit, Kritikfähigkeit, Schulung des eigenen Denkens, sprich: Bildung, und damit auch die Bildung der eigenen Persönlichkeit als Leitideen der europäischen Kultur. Schon Perikles hat sie in einer berühmten Rede 431 v. Chr. vertreten. Eine große Leistung vor allem der römische Antike war die Erfindung einer rationalen Rechtsordnung mit Prinzipien und Rechtsformen, die auch heute noch Leitwerte der Rechtsprechung sind.