Silvio Vietta, geboren 1941 in Berlin, hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt. Zahlreiche Gastprofessuren im Ausland, so in Italien, Russland, Brasilien, Indien. Sein neues Buch, "Europas Werte. Geschichte – Konflikte – Perspektiven", erscheint Mitte April im Freiburger Karl Alber Verlag.
Silvio Vietta, geboren 1941 in Berlin, hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt. Zahlreiche Gastprofessuren im Ausland, so in Italien, Russland, Brasilien, Indien. Sein neues Buch, "Europas Werte. Geschichte – Konflikte – Perspektiven", erscheint Mitte April im Freiburger Karl Alber Verlag.

Wir erleben allerdings in unserer Gegenwart, dass vielfach die Naturwissenschaften und die Technik aus Europa in andere Kontinente übernommen und eigenständig weiterentwickelt werden, nicht aber die Werte der Demokratie, Freiheit, Persönlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte. Wenn allerdings westliche Politiker und auch Philosophen einfach die westlich gewachsenen Menschenrechte als universal gültig zu proklamieren versuchen, lassen sich das Chinesen, Inder und auch die Arabische Liga immer weniger gefallen.

Auf der ersten europäisch-arabischen Konferenz in Sharm el Sheikh hat sich denn auch der ägyptische Präsident Abd al-Fattah al-Sisi kürzlich entschieden dagegen gewehrt, dass die Europäer ihre Menschenrechte der Arabischen Liga überstülpen wollen. "Ihr habt eure Werte - und wir haben unsere." Dagegen zu argumentieren ist schwierig, wenn man nicht den Vorwurf eines Neo-Wertekolonialismus auf sich ziehen will.

Noch ein Wort zum rationalen Wert der Wehrhaftigkeit: Er hatte einen hohen Stellenwert in Europa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, verlor dann aber immer mehr an Bedeutung, besonders nach dem Ende des "Kalten Krieges" 1989. Es scheint aber so, dass wir gegenwärtig wieder eine Renaissance dieses Wertes erleben. Die völlig marode deutsche Bundeswehr etwa verlangt nach besserer Ausrüstung. Zumindest ist es mit dem Auftauchen des kriegerischen Kalifats IS wieder vorstellbar geworden, dass auch Europa in Zukunft in einen globalen Krieg hineingezogen werden könnte, der mit Drohnen und anderen Kriegsautomaten geführt wird, Europa sich also schlicht verteidigen müsste. Den Terror hat der IS ja schon in die europäischen Hauptstädte getragen.

Religiöse Werte

Ein ganz anderer Wert ist die Religiosität. Aber was ist Religiosität, was Religion? Der romantische Theologe Friedrich Schleiermacher definiert Religion als eine Anlage des Menschen. Sie bezeichnet nach diesem Philosophen eine Unendlichkeitsstelle im menschlichen Bewusstsein. Der Mensch hat, anders als Tiere, einen Bezug zur Dimension der Unendlichkeit und Jenseitigkeit außerhalb seiner irdischen Existenz. Schleiermacher zielt somit auf einen transkonfessionellen Religionsbegriff. "Religion", sagt Schleiermacher, "ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche . . . Anschauen des Universums . . . ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion".

Religion als anthropologischer Grundwert des Menschen ist noch nicht konfessionell festgelegt: Die Namen für die unendliche göttliche Macht schaffen erst die einzelnen Religionen, ob wir diese nun Jehova, Gott, Allah, Durga oder Manitu nennen. Religiosität als Wert bezeichnet zunächst nur ein bewusstes Verhältnis des Menschen zum Jenseits seiner Existenz und damit auch zu Geburt und Tod.

Heilsverheißung Armut

Mit der christlichen Religion betritt ein radikal neues Wertesystem die Bühne der abendländischen Kulturgeschichte. Es geht um die Bewertung von Armut, Elend, Sklaventum, sozialem Notstand. Die Griechen wie die Römer verachteten - von Ausnahmen wie Sokrates und dem in einem Fass lebenden Diogenes abgesehen - solche sozialen Rollen. Sie galten ihnen als verächtlich, Armut und soziales Elend war eine Schande. Umso heller musste für die Angehörigen solcher sozialen Gruppen die Verheißung eines Jesus von Nazareth klingen, der die Armen wegen ihrer Armut pries und darin sogar einen Königsweg zum Paradies sah. Armut wurde in der christlichen Sicht zu einer Heilsverheißung aufgewertet. Die im Diesseits sozial Untersten sollten im Jenseits die Ersten sein.