Bildung und Rationalität: "Die Schule von Athen", Teil eines Freskos von Raffael. - © Archiv
Bildung und Rationalität: "Die Schule von Athen", Teil eines Freskos von Raffael. - © Archiv

Die christliche Religion hat so eine Vielzahl von Werten geschaffen, die aus dem Gebot der Nächstenliebe Jesu Christi abgeleitet sind: die Fürsorge für Arme, Alte, Kranke, die karitativen Werte der Nächstenliebe, Solidarität, Empathie, Gleichheit, Friedfertigkeit und auch Nachhaltigkeit als Schutz der Schöpfung.

Einen Teil dieser Werte hat der moderne nationale Sozialstaat übernommen. Die ersten Armenhäuser und Krankenanstalten entstanden aber im Umfeld der mittelalterlichen Klöster und Kirchen. Mit der Aufklärung wurden diese Funktionen vielfach schon verstaatlicht, oft in der Form von "Zucht- und Arbeitshäusern" mit rigiden Erziehungsauflagen.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann eine neue Epoche des Wohlfahrtsstaates, der nun - auf der Grundlage der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz -, auch das ganze österreichische bzw. deutsche Volk repräsentierte und somit eine Wohlfahrtspolitik für das ganze Volk unter dem Leitbegriff der Solidarität anstrebte. Heute stellen in den nationalen Haushalten die Sozialausgaben mit fast 30 Prozent des Gesamthaushaltes die höchsten Posten dar: in Österreich rund 100 Milliarden, in Deutschland fast eine Billion Euro.

Ein wichtiger neuer Grundwert ist die Nachhaltigkeit: Die Rationalitätskultur ist von ihrer Anlage her nicht nachhaltig. Sie nutzt die Natur, fragt aber nicht nach den Folgelasten. Lange Zeit schien ja auch das Reservoir der natürlichen Ressourcen unerschöpflich zu sein. Spätestens seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wird aber auf die "Grenzen des Wachstums" hingewiesen. Die heutige Weltkultur ringt mit diesem Problem, auch bei der Ungleichheit der Verteilung und Nutzung und der explosionsartig anwachsenden Bevölkerung gerade in den ärmsten Zonen der Erde wie in der Mitte Afrikas.

Wertvoller Nahbereich

Die dritte Wertefamilie hat es im Augenblick am schwersten. Sie wird diffamiert als egoistisch und europafeindlich. Aber da verwechselt man oft "nationales" mit "nationalistischem" Denken. Das Europa, das dessen Gründungsväter angedacht hatten, war immer ein "Europa der Vaterländer", wie dies de Gaulle formuliert hat. Und wie auch anders? Der Nationalstaat ist nach wie vor die Instanz, die unser Leben am nachhaltigsten regelt durch Infrastrukturen, Bildungseinrichtungen und die genannten Sozialleistungen.

Im Übrigen gehört es zur anthropologischen Grundausstattung des Menschen, dass er sich erst einmal in den Nahbereichen der Heimat und seiner Muttersprache orientiert und einlebt. Die Entwurzelungsprozesse der Globalisierung sind gleichzeitig auch Problemzonen, eben weil der homo sapiens immer auch und erst einmal lokale und muttersprachliche Wurzeln hat.

Europas zentrale Werte haben, wie gezeigt, mit der Eigenständigkeit des Denkens und Handelns zu tun und sollten als solche in Bildung, ökonomischen und politischen Institutionen gepflegt werden. Dabei stehen vielfach auch Konflikte an, so etwa der zwischen Werten der Produktivität und der sozialen Solidarität. Es scheint vernünftig zu sein, hier für einen klugen Ausgleich der Werte zu sorgen: Soziale Hilfe im vernünftigen Rahmen der eigenen ökonomischen Leistungsfähigkeit, bzw. Bereitschaft von dieser abzugeben im Rahmen einer vernünftig dosierten Sozialhilfe - und hier auch für die wirklich Bedürftigen.