Ein Mann, ein Ziel, ein Werk: der Palais idéal des Postboten Ferdinand Cheval. - © Hirschmann
Ein Mann, ein Ziel, ein Werk: der Palais idéal des Postboten Ferdinand Cheval. - © Hirschmann

Auf einem seiner täglichen Arbeitswege findet der Postbote Ferdinand Cheval einen Stein mit einer sonderbaren Form. Kurzerhand nimmt er ihn mit. Etwas schwebt ihm vor, ein Plan, dem er von diesem Tag an unabbringlich folgen wird: einen Palast zu konstruieren, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Und so schreitet er zur Tat, mit einem einzigen Gehilfen: einer Scheibtruhe.

Dem Steinfund folgt eine ganze Reihe an weiteren Steinen, die der Postbote Cheval nun jeden Tag mit nach Hause nehmen und in seinem Garten zwischenlagern wird, den abschätzigen Blicken der Nachbarn zum Trotz. Immer größer werden die Steinhaufen, bis schließlich eine Form aus ihnen erwächst. Zunächst nur eine Art Brunnen, schließlich auch eine Mauer mit herausragenden Figuren. Die Steinsammlungen werden erweitert durch Muscheln und Schneckenhäuser. Sie werden zu Wänden verarbeitet, zu Türmen, zu Treppen. Immer größer wird das Gebilde, immer eifriger die Arbeit des Postboten, der bald Monate und ganze Jahre damit zubringt, etwas zu konstruieren, von dem ihm selbst noch nicht klar ist, wie monumental das Ergebnis tatsächlich sein wird.

33 Jahre Bauzeit

Der Palais idéal des Facteur Cheval, der heute zahlreiche Touristen aus aller Welt in das kleine Dorf Hauterives (Departement Drôme, Südostfrankreich) lockt, war nicht immer gern gesehen. Denn das steinerne Monstrum folgt keinem architektonischen Baustil - bringt doch auch sein Erbauer keinerlei Voraussetzung in dieser Hinsicht mit. Ein Blick auf die architektonischen Werke jener Zeit verdeutlicht, wie fernab Cheval mit seinem Entwurf ist: Da ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Grand Palais in Paris, ein auf Eisen- und Glas basiertes Konstrukt, da ist der Eiffelturm, da sind die ersten Hochhäuser in den USA, die allesamt Modernität anklingen lassen. Daneben wirkt der Palais idéal völlig aus der Zeit gefallen.

Diese absolute Voraussetzungslosigkeit in baulichen Belangen, die man später als "Art brut", als "naive Kunst" bezeichnen wird, führt erst einmal zu Unverständnis in der Nachbarschaft. Doch der Facteur Cheval, wie er heute einem breiten Publikum bekannt ist, lässt sich nicht abbringen von seiner Vision. Ganze 33 Jahre braucht er, bis sein Palast fertiggestellt ist. Jahre, in denen er nach seiner täglichen Route von etwa 32 Kilometern als Postbote sogar noch bis in die Nacht schuftet. Inspiriert von der Natur, vor allem aber von Abbildungen in Zeitschriften und auf Postkarten, formt Ferdinand Cheval Tiere, Monster, historische Persönlichkeiten und Bauwerke. Das Weiße Haus findet sich da in Miniaturformat, desgleichen eine Schweizer Berghütte, eine Moschee, Sokrates oder Adam und Eva.