"Dieses Meisterwerk, auf das sein Erschaffer stolz sein kann / wird im Universum einzigartig sein." - © Hirschmann
"Dieses Meisterwerk, auf das sein Erschaffer stolz sein kann / wird im Universum einzigartig sein." - © Hirschmann

Ausgelöst wird dieser Wunsch beim Fund des besagten Steins im Jahr 1879. "Ich ging schnell, als mein Fuß an etwas hängenblieb, das mich einige Meter weit rollen ließ. Ich war sehr überrascht zu sehen, dass ich einen Stein aus der Erde gerissen hatte, zugleich seltsam in der Form und zugleich dermaßen schön, dass ich um mich schaute. Ich sah, dass er nicht alleine war." Der Grundstein für das manische Ausleben seiner Fantasie war also gefunden, die Idee des Palais idéal geboren.

Welche unbewussten psychologischen Beweggründe immer gewirkt haben mochten, fest steht, dass die Einzigartigkeit und Exzesshaftigkeit des Palasts sowie der eiserne Wille seines Erbauers zahlreiche andere Künstler inspirierten - vielleicht auch gerade wegen seiner rationalen Interpretationsresistenz. Denn indem die wahren Gründe für seine Entstehung wohl im Unterbewussten des Erschaffers zu suchen sind, entzieht sich das Werk allen vernünftigen Erklärungsversuchen. Besonders die Surrealisten, allen voran André Breton, fanden Gefallen an dem eigenwilligen Steinkonstrukt, das Traumhaftes, Unbewusstes, Absurdes und Phantastisches in sich vereint - genau jene Elemente, die auch die Vertreter dieser Kunstrichtung beschäftigten und faszinierten.

Selbst Picasso, Niki de Saint Phalle oder Jean Dubuffet (Begründer und Namensgeber der "Art brut") holten sich vor Ort Anregungen von dieser eigenwilligen Kunstform. Friedensreich Hundertwasser fand Gefallen daran, dass hier weder das Vorhaben noch die Winkel normal waren und beruft sich in seinem "Verschimmelungs-Manifest" auf das Bauwerk. Robert Doisneau zählt zu den Fotografen, die den Palais idéal ablichteten, und bis heute dient dieser als Kulisse für kulturelle Veranstaltungen.

Denkmalschutz

"Das Ganze ist absolut hässlich", lässt hingegen das Kulturministerium noch 1964 in einer Stellungnahme wissen, und verlangt, dass man "lieber nicht über besagte ‚Kunst‘ spricht". Die ersten Initiativen, den Bau zu schützen, wurden immer wieder abgelehnt, und so schritt der - durch Chevals schlechten Beton bedingte - Verfallsprozess des Palais langsam fort. Erst André Malraux, selber Künstler, Schriftsteller und damals französischer Kulturminister, ließ das Bauwerk unter Denkmalschutz stellen.

Der Wasserkreislauf, der im Inneren der Konstruktion vorgesehen war, wurde nicht wieder aktiviert, da er die Bausubstanz angriff. Die Fassade wurde renoviert, bereits herabgefallene Teile wurden, soweit dies möglich war, wieder angebracht, das Ganze stabilisiert. Malraux hatte den Wert des Werkes erkannt und gesehen, dass es sich bei dieser "naiven Kunst" um mehr handelte als nur um eine Randnotiz in der Kunst, nämlich vielmehr um eine Neudefinition derselben.

Der Palais idéal bleibt einzigartig - und doch nicht allein in der Abteilung kurioser Bauwerke. Denn der Postbote Cheval ist nicht der Einzige, der seinen Narzissmus in der manischen Verwirklichung eines Prachtbaus im Alleingang auslebte. Auch östlich von Madrid wächst unter den Händen eines einzigen Mannes seit Jahren eine Kirche Richtung Himmel: Justo Gallego Martínez ist ein Priester, der - nach der überraschenden Heilung von einer Tuberkuloseerkrankung - durch sein Schaffen seine Gottgefälligkeit zum Ausdruck bringen will. Seit 1961 arbeitet der mittlerweile 93-Jährige ohne öffentliche Unterstützung, Baupläne oder Baugenehmigung an der sogenannten Don Justos Kathedrale, wie sie im Volksmund genannt wird. Und wenn dieser Sakralbau auch ästhetisch in eine ganz andere Richtung weist als der Palais idéal, so findet man hier dennoch ein ähnliches Muster wie bei Chevals Traumpalast: Ein Mann, ein Ziel, ein Werk. So simpel wie beeindruckend.