Wer Jamie Macnab für ein Idealbild schottischer Clan Chiefs hält, wird vermutlich enttäuscht: er trägt Hemd und Sakko, trinkt Wasser statt Whisky, und verkauft beruflich Schlösser und Landhäuser anstatt sie gegen Angreifer zu verteidigen. Beim Mittagessen in Edinburgh spricht er mit englischem Akzent über die Rolle von Clans im heutigen Schottland.

Auch wenn er nicht danach aussieht, ist er immerhin der amtierende Chief des Macnab Clans und spricht von einem Stammbaum, der seine Familie ins 9. Jahrhundert zurückführt. "Möglicherweise geht mein Stammbaum direkt auf den ersten schottischen König zurück", sagt Jamie stolz.

Ob in Schottland oder anderswo in der Welt, der Kult um die Clans erlebt derzeit eine globale Renaissance. Schon im 18. Jahrhundert hatten die Romane von Sir Walter Scott ihre Leser für die Clans begeistert. Sie zeichneten ein romantisches und wildes Bild des schottischen Hochlandes. Filme wie "Braveheart" oder die erfolgreiche Fernsehserie "Outlander" haben diese Geschichte nun wiederbelebt und zum modernen Massenphänomen gemacht.

Neben dieser globalisierten Highlander-Romantik haben die Clans aber auch eine neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Moderne Chiefs wie Jamie Macnab stehen im Zentrum dieses Trends, dabei hat die moderne Interpretation der Highlands oft wenig mit ihrer realen Geschichte zu tun.

Heroischer Ort

Im kriegerischen 12. und 13. Jahrhundert haben Clans vor allem eine Art Schutzfunktion ausgeübt, mit den Chiefs als Kriegsherren an der Spitze. Das Clan-System hatte mehrere Jahrhunderte lang das soziale und wirtschaftliche Leben im abgeschiedenen schottischen Hochland geprägt. Doch mit dem 18. Jahrhundert haben Auswanderung, Industrialisierung und die sogenannten "Säuberungen" die traditionelle Lebensweise in den Highlands und das Clan-System schrittweise zerstört.

Die einzelnen Clan-Mitglieder hatten lange Anspruch auf Land in ihrem Einflussgebiet, doch zwischen 1750 und 1860 wurden viele Bauern und ganze Ortschaften vertrieben. Eigentümer verwandelten Ländereien in kleinere kommerzielle Bauernhöfe, während immer mehr Schafherden die Hochlandwiesen füllten. Viele Familien mussten in Fabriken flüchten oder wanderten nach Amerika aus. Parallel zu den oft gewalttätigen Säuberungen haben Industrialisierung und andere Faktoren den Clans und ihrer politischen und gesellschaftlichen Bedeutung ein vorläufiges Ende gesetzt.

Oft wird die Schlacht von Culloden aus dem Jahr 1746, in der britische Truppen die aufständischen Clans besiegten, als kritischer Wendepunkt zitiert. Viele Clans hatten sich hinter den Thronanspruch von Charles Edward Stewart gestellt, und nach der Niederlage unterdrückten die Briten und ihre schottischen Verbündeten den Jakobitischen Aufstand und das militarisierte System der Clans.