Die Anglophilie scheint unausrottbar. Das ist auch nicht erstaunlich, denn unser Phantasiekonstrukt "England" ist eine flexible Kombination verschiedener kultureller Phänomene und Vorstellungen. Am wichtigsten natürlich ist die englische Sprache: Nahezu jeder spricht sie - und man kann sich damit auf der ganzen Welt verständigen. Dass sie den gesamten Schatz an angloamerikanischen Filmen und Literatur eröffnet, ist ein unschlagbarer Pluspunkt. Für viele ebenso entscheidend ist die englischsprachige Musik und Popkultur, die viele Sehnsuchtsräume eröffnet.

Andere mögen es weniger urban: die einsamen Weiten Schottlands, die rollenden Hügel von Kent oder die malerischen Dörfer der Cotswolds beeindrucken in ihrer traumhaften Schönheit. Dass freilich das schwarz-weiße London der Edgar-Wallace-Filme nichts mehr mit den unzumutbaren Zuständen in der heutigen Metropole zu tun hat, dürfte jeder Besucher der Stadt schnell bemerken. Aber immerhin bleibt einem noch, sich fettige Fish & Chips zu bestellen, dazu entweder ein randvolles Glas mit lauwarmem Ale oder süßstoffgesättigtem Cider, um sich anglophile Wunschträume zu erfüllen.

Ignoranz der Jungen

Das unerträgliche Schmierentheater der letzten drei Jahre um den Brexit sollte jedoch alle Englandträumer ordentlich aufgerüttelt haben, die sich bisher als resistent gegen die britische Realität erwiesen haben. In aller Konsequenz und bis zur Schmerzgrenze (wenn nicht darüber hinaus) zeigt sich im unverantwortlichen Taktieren um den Ausstieg aus der EU das wahre Gesicht eines Landes, das massive Identitätsprobleme hat, sozial zerrissen und innerlich marode ist.

Wer wie ich als Deutscher fast zwei Jahrzehnte in Großbritannien gelebt hat und seit geraumer Zeit aus familiären Gründen zwischen Berlin und Birmingham pendelt, muss bemerken, mit wieviel Unverständnis sich diese zwei Länder gegenüberstehen. Paradigmatisch dafür sind die naiven Sprüche, die ich mir seit nunmehr drei Jahren anhören muss.

Es begann im Frühjahr 2016 mit dem unseligen referendum: "Die Engländer wählen doch nie im Leben den Brexit", hieß es damals allenthalben. Die Deutschen glauben in ihrer Anglophilie bis heute nicht an den Hass vieler Engländer auf alles Deutsche und Europäische. Und sie kennen nicht die erschreckenden sozialen und politischen Realitäten im Vereinigten Königreich.

Ich hielt damals einen Sieg der Brexiteers zwar nicht für wahrscheinlich, aber durchaus für möglich. Was mir von vornherein klar war: Landbevölkerung, Abgehängte und Alte würden sich in überwältigender Zahl für das Desaster einer Trennung von der EU entscheiden. Die Stimmen der Brexit-Gegner in London und den (nicht sehr vielen) liberalen Städten, samt der europafreundlichen Bevölkerung Schottlands, würden das nicht unbedingt ausgleichen können. Und so ist es ja dann auch gekommen.