Nini Palavandishvili holt ihr neues Buch aus der Tasche. Eifrig blättert sie durch die Seiten und findet ein Mosaik, das eine Kosmonautin darstellt. Eines der besten Beispiele, wie sowjetische Künstler christliche Ikonografie verwendeten. Anstatt Engel, Heilige, Gott oder Jesus zu feiern, idealisierte man die Errungenschaften der UdSSR und die Fähigkeiten des Proletariats: "Das Motiv der Weltraumheldin hier ist eine moderne Darstellung einer berühmten Abbildung von Königin Tamar, die sich im Kloster Wardsia im südlichen Georgien befindet. Statt jedoch eines Heiligenscheines um den Kopf trägt die Kosmonautin einen Weltraumhelm. Aber ikonografisch gesehen sind die beiden Frauen fast gleich", erklärt die Mosaikexpertin.

Mosaik im ukrainischen Lemberg. - © Malling
Mosaik im ukrainischen Lemberg. - © Malling

Georgien war keineswegs die einzige Sowjetrepublik, in der sich der Mosaikenboom durchsetzte. Die faszinierenden Kunstwerke tauchten überall in der UdSSR auf. Der ukrainische Fotograf Yevgen Nikiforov hat kürzlich ihre große Verbreitung in seinem Herkunftsland dokumentiert. Die sowjetisch-ukrainischen Mosaikenhersteller führten eine besondere ukrainisch-orthodoxe Tradition fort. Für sie mag besonderes ein berühmtes Mosaik aus dem 11. Jahrhundert in der Sophienkathedrale von Kiew als Vorbild gegolten haben. In zentraler Lage des Gebäudes zeigt es mit tausenden goldenen Miniaturkacheln die Jungfrau Maria in der Orantenhaltung (= Körperhaltung beim Gebet, mit ausgebreiteten Armen; Anm.)

Auch in anderen Ländern des Warschauer Paktes, zum Beispiel der DDR oder der Tschechoslowakei, waren Mosaiken beliebt. In ihrer Studie hunderter sowjetischer Mosaiken in Georgien, von denen viele wie epische Kompositionen anmuten, entdeckte Nini Palavandishvili noch etwas Interessantes.

"Zu meiner Überraschung fand ich in mehreren Arbeiten Abbildungen von Kirchen. Klein oder groß, vielleicht irgendwo in der Ecke versteckt, sind sie oft zu sehen - trotz der Tatsache, dass die UdSSR Gotteshäuser abriss und Religion verbot. Aber in den frühen 80er Jahren zeigte das System Schwächen, der Nationalismus spross in vielen Unionsrepubliken. Zu dieser Zeit tauchten Kirchen in vielen Mosaiken auf", erklärt die Expertin.

Verfall der Werke

Die Relevanz ihrer großen Arbeit, auf diesen wichtigen Teil der Kunstgeschichte aufmerksam zu machen, wird durch den schrecklichen Verfall der Werke und die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber in der postsowjetischen Ära unterstrichen. "Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Mosaiken aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation vollkommen vernachlässigt: Archive verbrannten, Informationen verschwanden, Urheber der Werke verstarben. Die Kartierung und das Dokumentieren der Mosaiken war äußerst schwierig", erzählt Palavandishvili.

Viele Mosaiken in den ehemaligen Sowjetrepubliken seien für immer verloren: aufgrund der Unwissenheit ob ihres künstlerischen Wertes, und weil das Geld fehle, um sie zu sichern, betont sie. "Leider besteht weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik Interesse, die Mosaike zu bewahren. Mit den Büchern, den Ausstellungen und den Fotoprojekten versuchen wir, das Thema einem größeren Publikum zugänglich zu machen, die Kunstwerke in einen historischen und kulturellen Kontext zu bringen, ihre Schönheit und Bedeutung zu zeigen - und hoffentlich zu ihrem Erhalt und ihrer Restaurierung beizutragen."