Die Sprache der Gagausen, Gagausisch, ist dem Türkischen nahe verwandt und gilt im Autonomiegebiet neben dem Russischen und Rumänischen als Amtssprache. Die Umgangssprache aber, auch als Lingua franca zwischen den verschiedenen Ethnien, ist Russisch; Gagausisch habe ich in meiner dreiwöchigen Reise durch Gagauz Yeri selten gehört.

Galina Mutaf, Professorin am Institut für Gagausische Philologie an der Gagausischen Universität der Hauptstadt Comrat, kredenzt in ihrem Büro türkisches Konfekt und Löskaffee. Ja, sagt sie, es ist wahr, die Autonomieregierung, sei’s aus verquerem Stolz oder politischen Motiven, sträubt sich dagegen, dass die UNESCO das Gagausische auf die Liste der gefährdeten Sprachen setzt. Eine geradezu aberwitzige Realitätsverweigerung, wie sich beispielsweise an ihrem Institut zeigt: Seit zwei Jahren können sie fürs Lehramt keine neuen Kurse anbieten, weil sich nicht einmal die dafür nötigen sechs Interessenten melden.

Gagausische Bibel

Frau Mutaf führt mich ins Nebenzimmer, in die Institutsbibliothek. Es gibt wenig Literatur in gagausischer Sprache, die zwei Regale im Billy-Format enthalten vor allem Lehrmaterial für den Schulgebrauch. Die Professorin breitet reich bebilderte Lehrbücher auf einer mit Blumenmuster bestickten Tischdecke aus und zeigt mir die neueste, in Moskau herausgegebene gagausische Bibel. Sie ist, wie das meiste hier, in der heute gültigen lateinischen Schrift gedruckt, manches in kyrillischer. In den vergangenen 150 Jahren hat das Gagausische mehrmals das Alphabet gewechselt, je nachdem, welche Großmacht in der Region gerade das Sagen hatte.

Galina Mutaf stammt aus Bulgarien, sie sieht die sprachliche Situation vielleicht deshalb etwas gelassener als die gelegentlich mühsamen Aktivisten der gagausischen Sache. Die Jungen, besonders in den Städten, sprechen kaum noch Gagausisch, das lässt sich auch mit patriotischem Eifer nicht ändern. Auf der anderen Seite immerhin ist und bleibt die Sprache Pflichtfach an den Schulen, gleichwertig mit der Staatssprache Rumänisch. Gelehrt wird übrigens auf Russisch, auch an der gagausischen Universität.

Frau Mutaf ist, was ihr Institut anlangt, optimistisch. Es werden sich wieder Lehramtsstudenten finden. Lehrer mag in dem armen Land kein Traumberuf sein, aber immer noch besser als Gastarbeiter in Russland oder der Türkei.

Die Territoriale Einheit Gagausien ist, geografisch gesehen, keine Einheit, sondern besteht aus vier Teilen, zwei davon sind Exklaven mit jeweils nur einem Dorf. Ob man sich gerade in- oder außerhalb Gagausiens befindet, merkt man nicht. Die Dörfer sind armselig, staubig und ausgestorben, die Straßen in erbärmlichem Zustand da wie dort; die Armut kennt keine Verwaltungsgrenzen. Frisch renoviert sind nur die orthodoxen Kirchen, das Glitzern ihrer goldenen Kuppeln kündet weithin vom nächsten Dorf.