Golden wie Johann Strauß: Lenin-Statue in Ceadîr-Lunga. - © Widmer
Golden wie Johann Strauß: Lenin-Statue in Ceadîr-Lunga. - © Widmer

Allerdings, in den meisten gagausischen Orten steht am Hauptplatz noch das Lenin-Denkmal aus der Sowjetzeit, das bei den mehrheitlich rumänischsprachigen Nachbarn längst weggeräumt ist. Dort steht heute an seiner Stelle, ein Schwert oder das Kreuz in der Rechten, der Türkenbesieger und moldauisch-rumänische Nationalheld Stefan der Große. Die Gagausen, Russland zugewandt, sehen in ihm ein Symbol großrumänischer Ideen, deshalb bleibt Lenin stehen, sicherheitshalber. In der Stadt Ceadîr-Lunga hat er kürzlich einen frischen goldfarbenen Anstrich erhalten und ähnelt jetzt unserem Stadtpark-Strauß.

Turkmenische Hilfe

Dmitri Ianul hat mich in sein Dorf Cişmichioi im äußersten Süden eingeladen. Er ist Regionalentwickler und Lokalreporter und kennt sein Land bis in den verstecktesten Winkel. Ihm verdanke ich viele Hinweise. Von Comrat im Norden bis an die Südgrenze Gagausiens sind es keine 150 Kilometer, und doch dauert meine Fahrt fast einen Tag. Die Straßen, besonders im Süden, sind mehr Hindernis als Hilfe, streckenweise bleibt keine andere Wahl als über die Felder auszuweichen; ein Glück, dass es lange nicht geregnet hat.

Kurz vor der ukrainischen Grenze, an einer Weggabelung, eine farbenfrohe Kreuzigungsgruppe und auf einer Betonsäule das gagausische Willkommen "Hoş geldiniz!": Cişmichioi bzw. Ceşmäküü (etwa "Dorf am Brunnen") begrüßt seine Besucher.

Das Dorf liegt in einer staubigen Senke, man sieht es beim Ankommen von oben: die Häuschen, mit grauem Schiefer gedeckt, wie zufällig ausgestreut, Straßen aus gestampfter Erde, ein ausgetrocknetes Bachbett; weiße Flecken ziehen durch die Kulisse: die Gänseclans. In der Mitte - eine Oase oder doch eine Fata Morgana? - erhebt sich aus einer sattgrünen Fläche ein offenbar neues Gebäude, weiß, zweistöckig, riesengroß, erinnert ans Weiße Haus.

Schon von weitem ist auf der Fassade der goldene Schriftzug DOSTLUK zu sehen ("Freundschaft", sagt mein türkisches Wörterbuch) und das Porträt eines lächelnden Mannes mit glänzend schwarzem Haar; den kenne ich vom Sänger Petkoviç her, es ist der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow.

Dmitri, den ich, kaum dass wir uns begrüßt haben, mit Fragen zu diesem Gebäude bestürme, muss ohnehin gleich dorthin, um zwei seiner drei Kinder abzuholen, der Palast ist der Kindergarten von Cişmichioi. Das Innere ist hell, freundlich, modern, den Kleinen stehen die neuesten Fernsehgeräte zur Verfügung, ein Computerraum, kindergerechte Sanitäranlagen (die Wohnhäuser im Dorf haben nicht einmal fließendes Wasser) - und sehr viel Platz.

Als der turkmenische Präsident, erklärt Dmitri, von der Existenz seines armen Brudervolks erfuhr, vor kurzem erst, da ließ er anfragen, wie er helfen könne, und das kam dabei heraus.

Eine Kirche in der Hauptstadt Comrat. - © Widmer
Eine Kirche in der Hauptstadt Comrat. - © Widmer

Hinter dem Kindergarten steht mit glänzenden Kuppeln die neue Dorfkirche, die alte ist vor ein paar Jahren in sich zusammengestürzt. Turkmenischer Prunk, ein orthodoxes Gotteshaus - der Dritte in diesem sehr gagausischen Bunde steht vor dem Gemeindeamt: Cişmichiois Lenin ist der größte, den ich in Gagausien gesehen habe, aber er beginnt zu zerbröseln und ist seitlich ins Erdreich gesunken, bald wird er ganz ohne Denkmalsturz vom Sockel fallen.