Abendessen. Inna, Dmitris Frau, von Beruf Lehrerin, hat Teigtaschen gekocht. Wir sitzen in der winzigen Küche des winzigen Häuschens, das der Großvater aus Lehm und Stroh erbaut hat. Die Kinder kauen Weißbrot und schauen mich aus großen Augen an. Das Wasser kommt aus dem Brunnen.

Türkische Mutterliebe

Die Hilfe der reicheren Turkstaaten, erklärt Dmitri, ist für Gagausien überaus wichtig. Sie finanzieren vor allem soziale Einrichtungen, Schulen, Kindergärten, Spitäler. Die Türkei ist am aktivsten, das neue Pflegeheim in Comrat zum Beispiel fällt einem Fremden zuerst wegen der Aufschrift ins Auge: Recep Tayyip Erdogan Huzurevi. Natürlich, so Dmitri, kommt Unterstützung auch aus der EU und aus Russland, aber die Hilfe der Brudervölker ist doch anders, ohne strategische Interessen. Bedingungslos wie Mutterliebe.

Früher Morgen. Dmitri hat schon die Tiere gefüttert und den Garten bestellt. Die fünfköpfige Familie, die wegen mir in einem Zimmer geschlafen hat, steht bereit, sauber, geschnäuzt und gekampelt, in gebügelter Kleidung. Beeindruckend. Die Kinder freuen sich auf den Kindergarten und die Fahrt dorthin in meinem Mietwagen. Mein insistierendes Interesse gestern fürs "Weiße Haus", halb amüsiert, halb naserümpfend, weil der turkmenische Präsident ein Autokrat ist: wie dumm!

Die Hauptstadt Comrat führt ein schwarzes Pferd im Wappen und, etymologisch, in ihrem Namen. Die Gagausen, habe ich gelesen, lieben Pferde und Pferderennen, bisher habe ich nur Zugtiere gesehen.

Die Gagausen lieben Pferderennen . . . - © Widmer
Die Gagausen lieben Pferderennen . . . - © Widmer

Konstantin Keleş, Verwalter des staatlichen Gestüts "At Prolin", ehemaliger Judo-Champion und stolzer Gagause, sagt: "Wir sind ein Reitervolk". Wir brettern im Lada Niva über die Hochebene des Gestüts bei Ceadîr-Lunga. Die tiefstehende Sonne taucht die Steppe in ein wunderbar gelbes Licht, die harten Sitze im hüpfenden Lada quetschen die Bandscheiben. Punkt 17 Uhr versammeln sich die Pferde beim Brunnen, wo Arbeiter Wasser aus großer Tiefe schöpfen. Die hier gezüchteten Pferde, lerne ich, sind Orlow-Trotter, Trabspezialisten. Keleş flüstert ihnen Zärtlichkeiten ins Ohr, die Tiere nicken. Der Zuchtbetrieb steht, wie so vieles in diesem Land, wirtschaftlich am Abgrund. In die EU können die Pferde wegen der strengen Auflagen nicht exportiert werden, und dass Russland in einer Krise steckt, spürt man auch hier. Im Verwalterhaus hat sich Keleş neben seiner Kraftkammer ein Atelier eingerichtet. Er malt Pferdebilder, den Verkaufserlös spendet er dem Gestüt: Jeder moldauische Leu zählt.

In den besseren Zeiten, sagt Keleş und meint damit die sowjetischen, fanden in Ceadîr-Lunga jedes Wochenende Pferderennen statt, heute gibt es sie nur noch im Rahmen von Volksfesten, beim Frühlingsfest Hederlez etwa oder, mein Glück, am kommenden Sonntag beim "Pferdefest zu Ehren der Stadt Comrat". Dieses ist ohnehin mehr nach Keleş’ Geschmack: kein folkloristischer Firlefanz, keine Marketenderinnen, nur Pferd und Reiter. Männersache.