Barfuß im Sulky

Sonntagnachmittag. Die Veranstaltung ist wirklich aufs Wesentliche reduziert. Der Rennplatz liegt auf einem mit harten Stengeln bewachsenen und mit Schafdung bedeckten Feld, es gibt keine Absperrungen, nichts zu essen und zu trinken, keine mobilen Klos. Aus Lautsprechern, die von einem Dieselgenerator gespeist werden, dröhnt krachend und knisternd gagausische Volksmusik. Erdogan hat eigentlich eine neue Rennbahn versprochen, aber man hat nichts mehr gehört.

Etwa hundert Zuschauer haben sich eingefunden und überraschend viel Polizei, am Rand steht ein Rettungswagen sowjetischen Typs. Vier Trabrennen sind angesetzt, Konstantin Keleş ist Platzsprecher, Zeitnehmer und Schiedsrichter. Die Jockeys sind erwartungsgemäß harte Kerle, sie bestreiten den Wettkampf in spitzen Halbschuhen, Badelatschen oder auch barfuß, ohne Helme sowieso. Ihre Sulkys sind sehr unterschiedlich, Ausführung je nach handwerklichem Geschick. Einer hat sein Gefährt ganz mit Goldlack besprüht, auch die Reifen, ein Streitwagen wie aus "Ben Hur".

Er geht mit brennender Zigarette im Mundwinkel ins Rennen, sein Pferd fällt nach wenigen Metern in den Galopp, er scheidet aus und beschimpft das Tier unter dem Gelächter des Publikums. Der Staub behindert die Sicht, selbst Keleş kann oft nicht sagen, wer gerade in Führung liegt, es scheint den meisten auch nicht so wichtig zu sein. Die Sieger erhalten einen kleinen Pokal und eine Urkunde, hier geht es nicht um Geld.

Zum Ende, nach etwa zwei Stunden, halten zwei Honoratioren patriotische Reden, auf Russisch auch hier, und Jugendliche rammen gagausische Flaggen in den trockenen Boden, nicht die offizielle Trikolore mit den drei Sternen, sondern das stolze Banner aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfs, ein Wolfsgesicht auf türkisem Grund. Dann führt der Hirte seine Schafe zurück aufs Feld.

Gagausischer Rap

Manjul, der gagausische Rapper. Ich habe unterwegs oft von ihm gehört. Am letzten Abend, wieder in Comrat, erreiche ich ihn am Telefon. Ich möge gleich vorbeischauen, er erwarte mich in seinem Studio im Kulturpalast, beim Lenin-Denkmal.

Das Studio in dem baufälligen Haus erweist sich als dunkler, beängstigend enger Verschlag, reich geschmückt mit gagausischen Fahnen und orthodoxen Heiligenbildern. Dichter Zigarettenrauch; Asche bedeckt den Schreibtisch wie nach einem Vulkanausbruch.

Manjul, ich schätze ihn auf Ende Vierzig, trägt zerschlissene Jeans, hat ein bubenhaftes Grinsen und sprüht vor Energie und Begeisterung und erfrischender Besessenheit für seine Arbeit. Er schenkt reichlich Călăraşi-Weinbrand in ungewaschene Kaffeehäferl, spielt mir am Computer Ausschnitte seines uvre vor und beobachtet aufmerksam meine Reaktion. Rap kann ich darin nicht erkennen, ich höre alte Volksweisen, die mit synthetischen Bläsern und schnellen Beats aufgepeppt sind. Gagausischer Bregović, Manjul goutiert den Vergleich.

Auf dem Tisch liegt ein Kinderbuch, Manjuls neuestes Projekt, er vertont gagausische Kinderreime. Er schlägt das Buch auf, liest vor, probiert summend Melodien aus - und da, endlich, in der finstteren Räucherkammer des Gagausenrappers springt der Funke über, in rhythmischem Singsang berührt die gagausische Sprache mein Herz. Ich schalte das Aufnahmegerät ein, erbettle Vers um Vers, und Manjul, nachschenkend, trägt schließlich das Büchlein bis zum Ende vor.

Es ist spät, Manjul steht unter Strom, mir fallen die Augen zu: Mögen noch viele Generationen kleiner Gagausinnen und Gagausen so lautmalerisch in den Schlaf gesungen werden: sarmisak sarsak - sarmayi satsak - satmayi salsak - salmaya koysak - sarmisak . . .