Wenn man nach der Gesellschaft, wenn man über die Gesellschaft spricht, dann zeigt sich etwas, das in der Diskurs- und Begriffsgeschichte selten ist: eine eindeutige Zäsur. Ein Ereignis, das den Diskurs in ein Vorher und ein Nachher trennt. Und dieses Ereignis fand 1987 statt. Es war Thatchers Diktum: "There is no such thing as society". Seit damals ist dieses Wort die unmittelbarste Assoziation zum Thema Gesellschaft.

Thatchers Satz war keine Feststellung: Sie war politisches Programm und Kampfansage zugleich. Gesellschaft ist kein Ding, sondern ein Verhältnis - das Verhältnis zwischen Individuen. Wenn es nur Individuen und keine Gesellschaft gibt, wie definiert man dann deren Beziehungen zueinander? Für Thatcher war klar: Das Verhältnis zwischen den Individuen soll nicht eines der Gesellschaft, sondern eines des Marktes sein - also ein Verhältnis von Angebot und Nachfrage, ein Verhältnis von Konkurrenz zwischen völlig autonomen Individuen.

Heute, mehr als 30 Jahre später, zeigt sich: Thatchers Diktum war Drohung und Prophezeiung in einem. Thatchers programmatischer Satz hat sich realisiert: Der enthemmte Markt, die ökonomische Globalisierung ist tatsächlich das erfolgreichste Modell, das Modell, das sich durchgesetzt hat. Es ist ein Modell, das keine neue Gesellschaft hervorgebracht hat, die ihm entsprechen würde. Weder national noch international. Eben weil dieses Modell keiner Gesellschaft entspricht. Thatchers Drohung ist Wirklichkeit geworden - und war darin eben prophetisch: Heute gibt es tatsächlich "no society" - zumindest tendenziell.

Neuer Gegensatz

Der Moloch Markt hat alle gesellschaftlichen Verhältnisse "kolonisiert", wie Jürgen Habermas gesagt hat. Er hat sich in alle Institutionen eingefressen, auch in diejenigen, die nicht auf Marktprinzipien beruhen. Er hat alle Institutionen der Solidarität erodiert. Er hat alle Institutionen, die die Gesellschaft gegen den Markt errichtet hatte, umgepolt. Vom Sozialstaat über die Gewerkschaften bis hin zur Ehe. Das heißt: Der erfolgreiche Neoliberalismus hat nicht nur keine eigene, kohärente Gesellschaft hervorgebracht - er hat auch die bisherige Gesellschaft (teilweise) zersetzt.

Die autonomisierten Individuen stehen dem Markt nunmehr blank gegenüber - was selbst ein falsches Bild ist: Denn der Markt steht ihnen nicht gegenüber, sondern steckt bekanntlich in ihnen drin. Manche schwemmte diese Konstellation nach oben - manche nach unten. Und mit Bedacht steht hier nicht, dass manche sich darin behaupten - und manche eben nicht.