Gelehrter mit Sinn fürs Savoir-vivre: Hubert Ch. Ehalt. - © Rudi Handl
Gelehrter mit Sinn fürs Savoir-vivre: Hubert Ch. Ehalt. - © Rudi Handl

Wir treffen uns im Café Maria Treu im achten Wiener Gemeindebezirk. Ein herrlich aus der Zeit gefallener Ort, an dem die Oberkellner noch schwarze Fliege tragen und einem die Speisekarte mit serviler Professionalität vor der Nase aufklappen. Vom Kaiserschmarrn bis zum Schnitzel fehlt keiner der gängigen Klassiker, was man auch ein wenig riecht. "Die Hühnersuppe ist sehr gut", rechtfertigt sich Hubert Christian Ehalt, als er meinen Seitenblick auf die abgeschabten Samtüberzüge und die Mahagonivertäfelung bemerkt.

Ein paar Tage zuvor hat man ihm das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien überreicht. Zwanzig Jahre sind vergangen, seit wir das letzte Mal an einem Tisch saßen. Entsprechend zögerlich gestaltet sich der Gesprächseinstieg. Damals leitete Ehalt neben seiner Arbeit als Wissenschaftsreferent der Stadt Wien einige Seminare am Institut für Sozialgeschichte. Dass ich im Nebenfach an der Angewandten studierte, mochte ihn, der sich im Zweitberuf stets als Künstler verstand, neugierig gemacht haben.

Symbolisches Kapital

Es kam zu einer mehrjährigen Zusammenarbeit, in der ich an der rastlosen Produktivität dieses Mannes teilhaben konnte, etwa bei der Redaktion seiner Reihe Wiener Vorlesungen im Picus Verlag, die seine Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Marie Jahoda, Ivan Illich oder Paul Watzlawick dokumentierte. Später gründete er das Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Anthropologie und stellte mich als wissenschaftlichen Mitarbeiter ein. Erst als ich mit Anbruch des neuen Jahrtausends in einem für ihn wahrscheinlich nicht ganz nachvollziehbaren Impuls in die Werbung wechselte, trennten sich unsere Wege.

Selten betritt ein Gast das Lokal, der sich nicht mit einem kurzen Gruß an meinen Gesprächspartner wendet. Ehalt hat sich nicht sonderlich verändert: Philosophenbart und Seidenschal waren schon damals seine Erkennungszeichen. So stellt man sich eher einen französischen Intellektuellen vor als einen Obersenatsrat des Wiener Magistrats. Versuchsweise komme ich auf das Ehrenzeichen zu sprechen, bei dessen Verleihung sich zwei Bürgermeister in Lobreden überboten, aber Ehalt winkt ab. Es sei eine besondere Ironie, dass er, der sich als Kulturwissenschafter ein Leben lang kritisch mit allen Facetten symbolischen Kapitals auseinandergesetzt habe, nun selbst damit überhäuft werde. Als Forscher sei er leider auch in diesem Punkt zu Skepsis und Ambivalenz verdammt - was freilich nicht dasselbe sei wie Undankbarkeit, setzt er verschmitzt hinzu.