Ehrungen pflastern in der Tat seinen Weg: Ehalt ist nicht nur Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften und Ehrenbürger der Universität Wien sowie Inhaber mehrerer Honorarprofessuren, sondern auch Chevalier des Arts et des Lettres. Lediglich bei der Erwähnung des letzten Titels lässt sich der überzeugte Francophile und Kenner der französischen Sprache und Kultur einen Anflug von Genugtuung anmerken. Schließlich habe er sich schon als Kind für Ritter interessiert - und was gäbe es Schöneres, als wenn sich Lebenskreise schließen.

Fast nimmt man ihm ab, dass ihm die vielen Titel lästig sind, und sei es nur, weil sie den Träger daran erinnern, dass er den Zenit seines Forscherlebens überschritten hat. Was ihn während seiner vierzigjährigen Karriere motivierte - als Wissenschafter auf dem Gebiet der Gesellschaftsgeschichte oder der Historischen Anthropologie wie auch während seiner Tätigkeit als Wissenschaftsreferent - waren jedenfalls ganz andere Dinge. Ehalt meint, es sei immer die gleiche Frage gewesen, die ihn antrieb: Wie ist die Welt, in der wir leben, eigentlich beschaffen?

Aus dieser Grundneugier entwickelte er seine Lebensthemen: (Wiener) Mentalitäten und Rituale, Statussymbole, kulturelle Beschleunigungsprozesse, die Ökonomie der Aufmerksamkeit u.v.a. Daneben gab es den engagierten Sozialwissenschafter, dem eine Geschichtswissenschaft mit emanzipatorischer Absicht ("Geschichte von unten") ein großes Anliegen war, sowie später das komplexe, weil politisch aufgeladene Wechselverhältnis von Kultur und Biologie, das er teils im Dialog mit Jürgen Habermas vertiefte.

Anlässlich seines 70. Geburtstags soll demnächst eine Festschrift zum Thema Geschichte und Gerechtigkeit erscheinen, und auch in dieser Autorenliste reiht sich ein illustrer Name an den nächsten.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit bildet in Ehalts intellektueller Biografie einen Schlüsselbegriff. Man denkt hier zunächst an sein Projekt "Ich stamme aus Wien", in dem er Menschen, die 1938 vor dem Faschismus geflüchtet waren, nach ihren Schicksalen befragte. Ehalt hat in den neunziger Jahren stellvertretend für die Stadt eine Hand ausgestreckt, und viele haben sie ergriffen - verblüfft, dass man sich nach fünfzig Jahren plötzlich für sie interessierte. Und so ist es ihm gelungen, unzählige Emigranten mit ihrer alten Heimatstadt auszusöhnen, bevor sich das Zeitfenster, in dem dies möglich war, für immer schloss.

Um (späte) Gerechtigkeit ging es ihm auch in der "Wiederaufnahme des Verfahrens" des 1795 zum Tode verurteilten Sozialutopisten Franz Hebenstreit. Ehalt ließ den Prozess im Festsaal des Wiener Rathauses mit Richter, Ankläger und Verteidiger neu aufrollen, um eine symbolische Rehabilitierung zu erreichen; oder seine Augustin-Kolumne "Dr. Ehalts Praxis für nützliche Theorie", in der er brisante politische Themen aufgriff - eine Mühe, der er sich sechs Jahre lang unterwarf, auch wenn sie ihm an symbolischem Kapital wahrscheinlich rein gar nichts einbrachte. Aber die Rolle des intellectuel engagé liegt ihm nun einmal näher als die des Fachmenschen: Ehalt wurde zu einer Zeit akademisch sozialisiert, als es für Professoren noch zum guten Ton gehörte, sich in öffentliche Debatten grundsätzlich nicht einzumischen. Er brach mit dieser Tradition ebenso lustvoll wie mit vielen anderen.