Altösterreicher (Jg. 1916) mit Schweizer Pass und universellem Engagement: Paul Parin in Mali. - © Studio und Archiv Paul Parin & Goldy Parin-Matthèy
Altösterreicher (Jg. 1916) mit Schweizer Pass und universellem Engagement: Paul Parin in Mali. - © Studio und Archiv Paul Parin & Goldy Parin-Matthèy

Die Schublade, in die Paul Parin passt, muss erst noch gezimmert werden. Sie müsste auf jeden Fall viel Fassungsvermögen haben - mindestens so viel wie die beiden Räume im dritten Stock der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien, wo der Nachlass des Vielseitigen verwahrt und aufgearbeitet wird. In Raum 3008 ist das "Parin-Zimmer" untergebracht: die Couch, der Analytikersessel und die mit Zigarettendunst imprägnierten Bücherwände, die Parin in seinem Zürcher Arbeitszimmer täglich umgaben.

Die Brüder Johannes und Michael Reichmayr - Psychoanalytiker der eine, Philologe der andere - arbeiten hier gemeinsam mit der Psychotherapieforscherin Christine Korischek an der Gesamtausgabe der Werke Paul Parins, die im Mandelbaum Verlag erscheint. 2018 wurde "Die Jagd - Licence for Sex and Crime" als erster Titel der 19-bändigen Werkausgabe neu aufgelegt, im Frühjahr 2019 folgte "Untrügliche Zeichen von Veränderung. Jahre in Slowenien".

Auch die bahnbrechende psychologische Studie über Männer und Frauen des westafrikanischen Volkes Dogon, mit denen Parin, seine Frau Goldy und der gemeinsame Freund Fritz Morgenthaler in den 1960ern bekannt wurden, soll neu veröffentlicht werden.

Die Parins und Fritz Morgenthaler hatten nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich die psychoanalytische Ausbildung bei Rudolf Brun absolviert und eine gemeinsame Praxis am Utoquai eröffnet. Um dem "grau werdenden Alltag in Zürich zu entkommen", wie Paul Parin einmal schrieb, unternahmen sie 1954/55 zu dritt eine ausgedehnte Reise durch Westafrika. Dabei legte das Trio von Algier durch die Sahara nach Ghana und von dort über die Elfenbeinküste nach Senegal 12.000 Kilometer im Jeep zurück. Fasziniert von Land und Leuten, folgten bis 1970 fünf weitere Reisen durch West- und Zentralafrika, die bald den Charakter von Forschungsreisen annahmen.

"Wir haben für die dritte Reise ethnologische Literatur studiert, ohne auch nur eine Ahnung davon zu bekommen, was uns für Menschen begegnen würden", erinnerte sich Parin. "Nicht eine einzige Person war in diesen Büchern als handelndes, denkendes, fühlendes Subjekt beschrieben, geschweige denn vorgestellt."

Ethnopsychoanalyse

Mit einem kleinen Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds ausgestattet, führten die Schweizer Analytiker 1959/60 in Afrika Hunderte Gespräche mit Männern und Frauen der Dogon im Osten von Mali, um deren Persönlichkeiten systematisch zu ergründen und die Menschen hinter den ethnologischen Zuschreibungen kennenzulernen. Das Buch "Die Weißen denken zu viel", das 1963 aus dieser Arbeit hervorging, legte den Grundstein für die Ethnopsychoanalyse. Diese Forschungsrichtung untersucht, wie sich die materielle, kulturelle Basis einer Gesellschaft im Einzelnen widerspiegelt. "Eine Erkenntnis daraus war, dass man auch auf das Individuum psychologisch einwirken muss, um gesellschaftlich etwas verändern zu können", sagt Johannes Reichmayr.