Michael Reichmayr, Christine Korischek und Johannes Reichmayr im Parin-Zimmer der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien. - © Werner Schandor
Michael Reichmayr, Christine Korischek und Johannes Reichmayr im Parin-Zimmer der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien. - © Werner Schandor

Der habilitierte Psychologe hat lange an den Universitäten Salzburg und Klagenfurt gelehrt, bevor er 2005 an die SFU berufen wurde. Bereits Mitte der 1970er Jahre hatte er sich mit den Parins angefreundet und war mit ihnen lebenslang eng verbunden. Zum einen teilte Reichmayr ihr Interesse an der Psychoanalyse als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, zum anderen stellte sich bald heraus, dass er und sein Bruder Michael im selben Haus in Graz aufgewachsen waren wie Paul Parins Frau Goldy. Nicht nur das: Die Brüder waren, ohne es gewusst zu haben, mit der Grande Dame der Schweizer Psychoanalyse entfernt verwandt.

1995 hat Johannes Reichmayr ein bis heute mehrfach aufgelegtes Standardwerk zur Ethnopsychoanalyse veröffentlicht. Der interdisziplinäre Ansatz dieser Forschungen, die den psychologischen Einfluss der Kultur im Individuum sichtbar machen, fiel bereits bei der aufkeimenden 68er-Generation auf fruchtbaren Boden: "Die Weißen denken zu viel" wurde zu einem Kultbuch.

Arzt bei den Partisanen

Aber auch die Biographien von Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy mussten bei den 68ern Sympathien wecken: Beide waren Kinder aus ehemals wohlhabenden Familien, beide hatten sich in ihren Jugendjahren marxistischen Ideen zugewandt und dem Faschismus in den 1930er und 40er Jahren die Stirn geboten. Elisabeth Matthèy - Spitzname Goldy - stammte aus einer verarmten Grazer Industriellenfamilie mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Nach ihrem Vater August ist heute noch ein Park in der steirischen Landeshauptstadt benannt. Goldy unterstützte von 1937 bis 1939 als Röntgenassistentin die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg.

Obwohl ihr späterer Ehemann Paul in den 1930ern nur zwei Straßen vom Haus der Matthèys entfernt das Gymnasium besuchte, lernte sie ihn erst 1939 in Zürich kennen, wo er - ebenfalls Schweizer Staatsbürger - Medizin studierte. 1944 schlossen sich beide gemeinsam mit Goldys Bruder August und vier weiteren Schweizer Ärzten Titos Partisanen an. Die Schweizer Truppe betreute zuerst ein Lazarett im Hinterland von Montenegro, später leiteten sie ein Krankenhaus für Kriegsverwundete auf einer Insel vor Dalmatien.

"Das Spital hatte sich im Lauf der Wochen stark vergrößert", erinnerte sich Parin in seinem 1991 erschienenen Buch "Es ist Krieg und wir gehen hin": "Es beherbergte etwa 660 schwerverwundete und andere, an Typhus oder Flecktyphus erkrankte Kämpfer und Kämpferinnen der Partisanenarmee und über tausend Köpfe Personal einschließlich der Wachsoldaten. Obwohl die Front sich schon weit entfernt hatte, kamen fast täglich Lastwagen mit neuen, noch unversorgten Patienten."

Gegen Ausbeutung

Auch wenn der kommunistische Enthusiasmus nach Kriegsende rasch der Ernüchterung über die hierarchischen Parteikader wich, betrachtete Paul Parin die Zeit in Jugoslawien rückblickend als äußerst bereichernd: "Es ist der beste Teil unseres Lebens geblieben, soziale und menschliche Verhältnisse mit der Neugier des Forschers zu durchleuchten, der Unterdrückung und Ausbeutung entgegenzutreten; befriedigt, dem eigenen Gewissen zu folgen, die Solidarität mit Gleichgesinnten genießend, können wir die vielen Fehlschläge und Niederlagen leicht verkraften. Ob das verrückt oder normal zu nennen ist? Ne smeta, einerlei", resümiert er am Ende von "Es ist Krieg und wir gehen hin".