Darf man gegen das Klima nur demonstrieren, wenn man etwas von Kipppunkten und Simulationen versteht? Ein solch dünkelhaftes Politikverständnis offenbarte FDP-Chef Christian Lindner. Der "Bild am Sonntag" sagte er im März: "Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis."

Das klingt so, als wäre die Rettung des Planeten eine technische Aufgabe - nach dem Motto: Lasst die Experten ran! Nur: Was heißt in diesem Kontext "Profi"? Sind wir nicht alle insofern Klimaprofis, als wir mit unseren täglichen Routinen zur Erderwärmung beitragen, und es ein berufsständisches Ethos des politischen Menschen gibt, darüber zu diskutieren? Sind wir nicht auch professionelle Klimaversager, weil unser Sprechen und Handeln so eklatant auseinanderfallen, obwohl das Problem seit Jahren evident ist?

Über das Wetter reden

Das diskursive Problem am Klimawandel ist, dass man ihn als Phänomen nicht greifen kann. Einmal angenommen, man würde in einem Eignungstest Bewerbern die Aufgabe stellen, den Klimawandel zeichnerisch darzustellen: Was würden sie aufs Papier bringen? Berstendes Eis? Brennende Wälder? Rauchende Schornsteine? Verdorrte Felder? Die Dürren, Stürme und Sintfluten, die zuweilen in alttestamentarischer Drastik als Beleg für die Klimakatastrophe herangezogen werden, sind bloß Platzhalter.

Das Klima als mittlerer Zustand der Atmosphäre kann man im Gegensatz zum Wetter nicht sehen - man kann es nur am Computer berechnen. Und da beginnt das Problem. Alles, was man mit bloßem Auge nicht sehen kann, was sich nur als abstrakte Größe darstellen lässt, ist ontologisch und methodisch angreifbar.

Der britische Philosoph Timothy Morton hat dafür den Begriff des Hyperobjekts geprägt. Darunter versteht er Dinge, die relativ in Raum und Zeit sind. Etwa ein schwarzes Loch, ein Ölfeld, Plastiktüten oder Plutonium. Hyperobjekte haben die Eigenschaft, dass sie "viskos" sind, also an Personen oder Gegenständen kleben, nichtlokal und autotemporal sind. Eine Cola-Dose bleibt rund 500 Jahre im Meer, bis sie vollständig zersetzt ist, radioaktiver Müll strahlt tausende Jahre, ein radioaktives Uran-Nuklid hat sogar eine Halbwertszeit von 704 Millionen Jahren. Hyperobjekte überdauern Raum und Zeit.

Beispiel Plastik: Es treibt nicht nur im Ozean herum, sondern der Mensch trägt es in seinem Körper, weil er Mikroplastiken über die Nahrungsmittelkette aufnimmt. Nach Morton ist auch die Menschheit ein Hyperobjekt, das in anderen Entitäten wie den Tieren steckt. Ohne Viehzucht gäbe es keine Fleischproduktion und vielleicht auch keine so starke Erderwärmung. Mortons Denken ist stark vom Dekonstruktivismus Derridas geprägt, auch Einflüsse von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie sind zu erkennen.