Der im modernen Städtebau neu konzipierte öffentliche Raum rezipierte dieses Bestreben nach umfassender Selbstdarstellung, indem er in den imperialen Zentren breite Boulevards und großzügig angelegte Plätze vorsah. Sie dienten in der Folge als repräsentative Kulisse für jene Großveranstaltungen, die zumeist im Dienste der Herrschenden standen. Kaiserliche Geburtstage, Hochzeiten und Thronjubiläen etwa fungierten als Anlässe für prächtige Umzüge und Massenspektakel. In Wien waren es beispielsweise der opulente Makart-Festzug des Jahres 1879 anlässlich des 25. Hochzeitstags des Kaiserpaares. Oder die Jahre 1898, 1900 und 1908, in denen - ebenfalls für Kaiser Franz Joseph - groß angelegte Events abgehalten wurden, die sich über die festlich geschmückte Ringstraße und weite Bereiche der Innenstadt erstreckten. Spektakuläre Einzelereignisse, die hunderttausende Menschen in ihren Bann zogen, schon damals geschickt vermarktet wurden und sich tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt einprägten.

Politische Aufmärsche

In der republikanischen Stadt der Zwischenkriegszeit verstärkte sich die Politisierung des öffentlichen Raumes weiter. Aufmärsche der sich formierenden Massenparteien, aber auch Demonstrationen und teils gewaltsame Auseinandersetzungen gehörten im Roten Wien zum Alltag. Jährliche Höhepunkte waren die Maikundgebungen von Arbeiterschaft und Sozialdemokratie, die Ringstraße und Prater propagandawirksam in Besitz nahmen. Hinzu kamen groß inszenierte Sport- und Kulturevents wie der Schwimm- und Ruderwettbewerb "Quer durch Wien", dem am Donaukanal hunderttausende Zuschauer beiwohnten, und die Wiener Festwochen, die der touristischen Belebung der Stadt dienten und teils aufwendig inszenierte Open-Air-Veranstaltungen beinhalteten, etwa den im Juni 1929 abgehaltenen Gewerbefestzug.

Ringstraße und vor allem Heldenplatz blieben bekanntermaßen auch die wichtigsten politischen Bühnen im austrofaschistischen Ständestaat und in der NS-Zeit. Ehe sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges und erfolgreichem Wiederaufbau allmählich eine deutlich entpolitisierte, mehr konsum- und freizeitorientierte Nutzung des Stadtraumes abzeichnete. Allerdings zunächst noch mit starker Stimulanz der politischen Parteien. Als Nachkriegspionier gilt das von der KPÖ initiierte Volksstimmefest, das 1946 erstmals im Praterstadion und in den Folgejahren - bis heute - auf der Jesuitenwiese abgehalten wurde.

Christkindlmarkt am Rathausplatz, Ansichtskarte, 1990er Jahre 
 - © Archiv Payer

Christkindlmarkt am Rathausplatz, Ansichtskarte, 1990er Jahre

- © Archiv Payer

Die SPÖ reaktivierte ihre Maikundgebungen und ab 1951 starteten erneut die Wiener Festwochen mit einem umfangreichen mehrwöchentlichen Kulturprogramm. Im Jahr 1975 wurde der Christkindlmarkt auf den Rathausplatz verlegt, wo er sich rasch als beliebter Winterevent etablierte. Die ÖVP wiederum konnte erst Jahrzehnte später, mit Erhard Busek und seinen "Bunten Vögeln", veranstaltungsmäßige Akzente setzen. Sie begründete 1978 das Wiener Stadtfest, dessen Darbietungen in der Innenstadt sogleich großen Anklang fanden, sowie ab 1983 ein Lichterlfest am Donaukanal, das heutige Donaukanaltreiben.

Kaum mehr vorstellbar ist aus heutiger Sicht, wie leer und "unbespielt" der Wiener Stadtraum noch um 1980 herum war. Wien galt als "Shrinking City", die Einwohnerzahl der am Rand des Eisernen Vorhangs gelegenen Stadt sank kontinuierlich, kulturelle Impulse und Belebungen waren dringend angesagt. Das 1984 ins Leben gerufene Donauinselfest sollte in diese Richtung wirken und ein deutliches Signal an die Jugend sein, ebenso der im selben Jahr erstmals abgehaltene Vienna City Marathon. Doch erst die überwundene politische Teilung des Kontinents schuf ab 1989 jene Voraussetzung, die Wien erneut eine aufstrebende Entwicklung im Herzen Europas ermöglichte.