Festzug und Illumination zum 70. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, Ringstraße bei den Hofmuseen. - © Ch. Scolik
Festzug und Illumination zum 70. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, Ringstraße bei den Hofmuseen. - © Ch. Scolik

Der folgende Trend zur Reurbanisierung und die Herausbildung der postmodernen "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze) leiteten sodann eine nachhaltige Festivalisierung des öffentlichen Raumes ein. Wien begann sich als weltoffene Stadt zu positionieren: Silvesterpfad (1990/91), Filmfestival am Rathausplatz (1991), Life Ball (1993) oder Regenbogenparade (1996) etablierten sich als publicityträchtige Massenevents, zahlreiche weitere folgten bis heute. Längst sind die traditionellen Veranstaltungszonen verlassen, und es werden auch Parks wie Augarten und Stadtpark miteinbezogen und weit entfernte Areale wie Schönbrunn oder Wienerwald eventisiert.

Wie andere westliche Städte ist auch Wien, so die Urbanistin Anette Baldauf in ihrer Analyse zu den Wechselwirkungen von Stadtentwicklung und Unterhaltungskultur, zur "Entertainment City" geworden: "Auf ihren Bühnen werden groß angelegte Shows inszeniert, das Städtische auf hyperbolische Weise aufgeblasen und Urbanität in ihrem Exzess ausgestellt. Alles Inszenierungen, die Superlative einfordern - die Stadt ist lauter, größer, MEHR."

Der öffentliche Raum fungiert als Kulisse, als begehrter Hintergrund für Public Viewings und Erlebnisraum für "Ausstellungen" im weitesten Sinne, mit dem erwünschten Nebeneffekt, dass das Gesamtimage der Stadt stets als "Product-Placement" mitpräsentiert wird. Die Dichte der Events ist mittlerweile auch in Wien gewaltig. Kaum ein Wochenende ist im Jahresverlauf noch frei von Großveranstaltungen. Am deutlichsten zeigt sich dies am Rathausplatz, der in seiner städtebaulichen Konfiguration, frei von Veranstaltungsmobiliar, nur mehr an wenigen Tagen im Jahr erlebbar ist.

Kampf um freie Plätze

Der zentrale Bereich vor dem Rathaus, ehemals Inbegriff von Bürgersinn und Bürgerstolz, ist zu einem kommerziell vermarkteten Areal geworden, zur beliebtesten Open-Air-Zone Wiens. Raum, so haben wir hier längst gelernt, ist knappes und demzufolge kostbarstes Gut in der Stadt, und gerade deswegen nicht frei von wirtschaftlichen und politischen Verwertungsinteressen. So stellt sich immer öfter die Frage, wem er denn eigentlich gehört und wer darauf Zugriff hat.

Die Ansprüche steigen, der Kampf um die letzten noch freien Flächen hat voll eingesetzt. "Platz da!", titelte vor Kurzem die deutsche Wochenzeitschrift "Die Zeit" und brachte damit die gestiegenen urbanen Konkurrenzverhältnisse auf den Punkt. Auch in Wien erhöhen die globalen Trends zu Verdichtung, Touristifizierung und Digitalisierung den Druck auf den öffentlichen Raum.

Gleichzeitig steht die "Stadt als Event" vor sich auflösenden traditionellen Machtverhältnissen. Oder, um im Bild von der Stadt als Ausstellung zu bleiben: Wir bewegen uns weg von einer Dauerausstellung hin zu temporären Ausstellungen, die - rasch wechselnd und interaktiv - unter Beteiligung der verschiedensten Akteure gestaltet werden wollen.

Was allerdings nicht heißen soll, dass man gut daran tut, bisher bewährte Konstanten über Bord zu werfen. Denn immerhin erzielte etwa der imageträchtige Life Ball allein in den letzten zehn Jahren eine Bruttowertschöpfung von mehr als 100 Millionen Euro für die Stadt. Weshalb denn auch Bürgermeister Michael Ludwig bereits sehr für seine Fortsetzung plädierte.