Die frühen Bergfotos fingen ein existenzielles Drama ein. Sie waren Beweisstücke mutiger Eroberungen und zugleich begehrte Schaustücke für ein bürgerliches Publikum. Dieses konnte sich, quasi im Lehnsessel und in Pantoffeln, mittels Bildern gefahrlos bis in die letzten Extremzonen der Wildnis vorwagen.

Auf die Wissenschafter und Eroberer folgten wenige Jahre später die Touristen. In den 1880er Jahren übernahm eine neue Gruppe von Fotografen die Regie in der Hochgebirgsfotografie: die Amateure. Sie etablierten einen neuen Blick. Mithilfe neuer, industriell vorgefertigter Negative (sogenannten "Trockenplatten") konnte nun jeder technisch halbwegs Begabte fotografieren. Das Fotografieren im Hochgebirge wurde allmählich zum Hobbyunternehmen begüterter Touristen.

Vittorio Sella unterwegs. - © Archiv
Vittorio Sella unterwegs. - © Archiv

Einer der ersten Fotoamateure im Hochgebirge war der in der Schweiz geborene, in Straßburg lebende Jules Beck, der viele Sommer bergsteigend und fotografierend in den Schweizer Bergen verbrachte. Deutlich größer war der geografische Radius des Italieners Vittorio Sella, der in den Alpen, im Kaukasus, in Alaska und im Himalaya fotografierte.

Unter den bergbegeisterten Amateurfotografen waren nun erstmals auch einige (wenige) Frauen. Sie waren, wie die Männer, begütert, hatten viel Freizeit und konnten sich lange Aufenthalte im Gebirge leisten. Eine von ihnen war die Engländerin Elizabeth Main. Sie war Mitbegründerin des "Ladies Alpine Club", Autorin und passionierte Fotografin. Main begann in den 1890er Jahren in der Schweiz zu fotografieren.

Die Fotoindustrie und der Fotohandel reagierten rasch auf diese größer werdende neue Klientel. Die Kameras wurden kleiner und leichter, neues Zubehör wurde entwickelt, eigene Kameratypen für den Einsatz im Hochgebirge kamen auf den Markt. In den 1890er Jahren setzte eine Flut von Anleitungen und Ratgebern ein, die den neuen Boom der Fotoausflügler im gebirgigen Gelände in die "richtigen" Bahnen zu lenken versuchten. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verließ die Bergfotografie endgültig die elitäre Nische und wurde zum Massenphänomen.

Nach 1900 setzte sich innerhalb der Bergfotografie ein neues Genre durch: die Kletterfotografie. Die Fotografen rückten nun zwangsläufig näher an den Fels heran, sie wählten oft enge Ausschnitte und zeigten die kletternden Protagonisten häufig in extremen Perspektiven - und nicht selten in Untersicht. Zu den Pionieren, die sich um die Jahrhundertwende der Kletterfotografie zuwandten, gehören George und Ashley Abraham, die um 1890 im englischen Lake District fotografierten. In den Ostalpen fotografierten um und nach 1900 Wilhelm Paulcke aus Freiburg, Fritz Benesch aus Wien, W. Thiel aus Dresden, Josef March aus Brixen, der als einer der Ersten Kletterszenen in den Dolomiten aufnahm, ebenso Emil Terschak in Cortina, die Italiener Ettore Santi aus Turin und Adolfo Hess, der vor dem Ersten Weltkrieg im Montblanc-Gebiet fotografierte.