Die Bibliothek des Germanistischen Instituts im Hauptgebäude der Wiener Universität weckt Erinnerungen an Zeiten der Buchgelehrsamkeit. Dunkelbraun getöntes Holz sorgt für eine gedämpft-kontemplative Atmosphäre, und in den Regalen warten viele, viele Bücher darauf, konzentriert durchgearbeitet zu werden.

Just dort wurde zu Beginn dieses Jahres ein Projekt vorgestellt, das in den Bibliothekssaal gar nicht so recht passen wollte: Präsentiert wurde eine Online-Edition der Tagebücher des 2010 verstorbenen Wiener Schriftstellers Andreas Okopenko. Über diese Publikation wird später mehr zu sagen sein. Doch erst bleiben wir noch bei der Präsentationsveranstaltung: Sie war sehr gut besucht, und nachdem das Projekt vorgestellt worden war, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Das Hauptinteresse galt dabei jedoch nicht dem Wiener Avantgarde-Autor Okopenko, sondern der technischen Umsetzung der digitalen Edition. Es wurde erörtert, auf welchem Betriebssystem sie am besten darstellbar sei, es ging um Verlinkungen, Quellcodes, Normdaten und dergleichen mehr. Zugleich wurde aber auch klargemacht, dass diese Aufmerksamkeit für computertechnische Vorgänge heute durchaus zur Literaturwissenschaft gehört. Das gilt zumindest dann, wenn sie nicht mehr als Text- und Buchwissenschaft verstanden wird, sondern als eine neue Arbeitsweise, genannt Digital Humanities. Eben dort verorteten sich auch die Herausgeberinnen und Herausgeber der Okopenko-Edition.

Frühere Technik-Skepsis

Der Verfasser dieses Berichts, dessen Philologie-Studium schon mehrere Jahrzehnte zurückliegt, hörte der Diskussion einigermaßen verständnislos zu. Gut erinnert er sich an Zeiten, in denen die Humanities noch Geisteswissenschaften hießen und die Gelehrten gerade nicht als Technik-Experten gelten wollten. Manch einer war stolz darauf, dass er bei dem Wort "Dichtung" immer nur an Poesie, und niemals an Installateursarbeiten dachte. Und in einem ernsteren Sinn verstanden sich die Geisteswissenschaften oft als kritisches Korrektiv gegen die allumfassenden Auswirkungen des technischen Fortschritts.

Damit ist es schon seit längerem vorbei. Die Digitalität, die all unseren Arbeits- und Lebensverhältnissen als Kommunikationsmodus zugrunde liegt, verbietet heute jede Berührungsangst vor der Technik. Schon seit Jahrzehnten ist wissenschaftliches Arbeiten ohne Computer nicht mehr denkbar. Aber die allseits verbreitete Verwendung eines PC zum Schreiben und Forschen entspricht noch nicht ganz dem Anforderungsprofil der neuen Digital Humanities. Da muss noch mehr dazukommen. Aber was?

Zur Offenheit der "Digital Humanities" gehört die teamorientierte Arbeitsweise. - © Illustration: Ikon Images /Getty
Zur Offenheit der "Digital Humanities" gehört die teamorientierte Arbeitsweise. - © Illustration: Ikon Images /Getty

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wurden in den vergangenen Monaten Gespräche mit sachkundigen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern geführt. Es steht zwar außer Frage, dass der interdisziplinäre Ansatz zu den wesentlichen Merkmalen der neuen Wissenschaft gehört. Dennoch beschränken wir uns hier auf die Philologie, um das Thema nicht ausufern zu lassen.

Über die Gesamtsituation der neuen geisteswissenschaftlichen Fachrichtung waren sich die Befragten weitgehend einig. Österreich betreffend, berichteten sie einhellig, dass der einflussreiche Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF) bevorzugt Projekte unterstützt, die den Zielen der Digital Humanities verpflichtet sind. Der Projekt-Finder des FWF verzeichnet derzeit 180 Projekte, die dieser Vorgabe entsprechen. Außerdem verlangt der FWF, dass die Resultate der von ihm geförderten Vorhaben nicht nur in Buchform, sondern auch im Internet veröffentlicht werden müssen.

Forschungsschwerpunkt

Dieser "niederschwellige", unentgeltliche, leicht zu handhabende Zugang zum wissenschaftlichen Material (Open Access genannt) zählt zu den zentralen wissenschaftspolitischen Forderungen der Digital Humanities. Ebenso wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass die Wiener Universität die neue Geisteswissenschaft zu einem wesentlichen Forschungsschwerpunkt (FSP) erklärt hat. Ab 2020 soll ein entsprechender Masterstudiengang in Wien möglich sein (in Graz gibt es ihn schon seit 2017). Das Lehrpersonal dafür wird zurzeit rekrutiert, als erste Professorin mit dem expliziten Schwerpunkt Digital Humanities ist die britische Historikerin Tara Andrews bereits in Wien tätig.

Zu den Wiener Rahmenbedingungen gehört auch, dass sich zwei nicht-universitäre Institutionen als wichtige Kooperationspartner für Projekte der Digital Humanities profiliert haben: Die Österreichische Nationalbibliothek bietet eine Plattform für digitale Editionen. Dort wird zum Beispiel gerade der digitale Teil jener großen Klagenfurter Musil-Edition realisiert, deren gedruckter Teil im Verlag Jung und Jung sukzessive als Werkausgabe erscheint. (Diese Verbindung von gedruckter Leseausgabe und digital verfügbarem wissenschaftlichem Apparat wird "Hybridausgabe" genannt.)

Eine andere wichtige Anlaufstelle für digitale Publikationen ist die österreichische Akademie der Wissenschaften. Ihre Plattform firmiert unter dem Kürzel ACDH, und ihre Aufgabe besteht darin, alle Aktivitäten der neuen Wissenschaft zu bündeln und zu vernetzen.

All das deutet darauf hin, dass die Digital Humanities nicht von einigen wenigen Einzelkämpfern vorangetrieben werden. Sie sind vielmehr - in Österreich wie anderswo - auf dem besten Weg, eine anerkannte, mit Fördermitteln und Lehrstühlen versehene akademische Disziplin zu werden.

Der Germanist Wolfgang Straub gehört zu den Mitarbeitern am FSP Digital Humanities der Wiener Universität und ist Mit- herausgeber des Buchs "Germanistik digital", in dem ein Überblick über den derzeitigen Stand der Dinge gegeben wird. Straub meint, das Erscheinungsbild des neuen Wissenschaftszweigs sei zwar "noch nicht konsistent", doch sei nicht zu bezweifeln, dass hier etwas genuin Neues entstehe. Das gilt vor allem im Bereich der digitalen Editionen, wo sich bereits verlässliche Verfahren herausgebildet haben, sodass eine Edition im Netz einer Buchausgabe qualitativ eher über- als unterlegen sei.

Ebenso interessant sind für Straub die Bemühungen um Wissensvernetzung. Sie verhindern, dass isolierte "Datensilos" eine Fülle von Informationen selbstgenügsam speichern, anstatt sie auszutauschen und mit anderen Datenbanken zu verbinden. Dieses Konzept des Austauschs und der Zusammenarbeit ist für Straub der eine Grundpfeiler der digitalen Geisteswissenschaft.

Der andere ist die riesige Datenmenge, die durch die Digitalisierung gewaltiger Wissensbestände zugänglich geworden ist (Google Books alleine hat in den letzten Jahren mehr als 25 Millionen Bücher eingescannt). Wenn man diese Textmassen, die jeden Einzelleser hoffnungslos überfordern, mit intelligenten Algorithmen erschließt, stehen sie jeder "Durchsuchbarkeit" offen. Dadurch wird, so Straub, der alte, vergleichsweise kleine Kanon des Kennens- und Nennenswerten erheblich erweitert. Zugleich können Fragestellungen entwickelt werden, die der Forschung nicht einfallen konnten, so lange sie noch auf der Basis sehr viel kleinerer Textcorpora agierte.

Bernhard Fetz ist der Direktor des Literaturarchivs in der Österreichischen Nationalbibliothek, und in dieser Funktion ständig mit den Herausforderungen der Digitalisierung beschäftigt. Die Frage, ob es in den Geisteswissenschaften einen "digital turn" gäbe, bejaht er, wenn auch mit Vorbehalt. Das wahllose Einscannen von Büchern, wie von Google Books praktiziert, hält er noch nicht für eine wissenschaftliche Leistung, allenfalls für deren Voraussetzung.

Wissenschaftlich interessant wird es für Fetz erst, wenn "Grundfragen nach dem Zustand des kulturellen Wissens im Zeitalter der Digitalität" gestellt werden. Also etwa: Was bleibt von den "Meisterphilologien", die von gebildeten Professoren auf der schmalen Basis ihrer zufälligen Kenntnisse entworfen und gelehrt werden? Nicht viel, meint Fetz, denn für die "Bedeutungszuschreibungen Einzelner" bestehe in Zeiten der kollektiven Wahrheitsfindung und des Crowd Work nur mehr wenig Bedarf.

Weiter: Was bleibt von den schönen Literaturarchiven, in denen die handgeschriebenen Werkvorstufen und Briefe der Dichter und Dichterinnen gesammelt wurden? Möglicherweise auch nicht viel, wie der Archivdirektor einräumt. Denn was sollte ein solches Archiv in Zukunft aufbewahren: USB-Sticks? Websites? Instagram-Selfies? Ausdrucke von E-Mails? Die Antworten auf diese Fragen stehen noch aus. Aber das Nachdenken über die tief greifenden Veränderungen des Wissens und der Wissensarchivierung steht für Fetz im Hintergrund aller Projekte der Digital Humanities.

Seine Tagebücher aus den Jahren 1949 bis 1954 wurden digital ediert: Andreas Okopenko (1930-2010). - © Ullstein Bild/Imagno
Seine Tagebücher aus den Jahren 1949 bis 1954 wurden digital ediert: Andreas Okopenko (1930-2010). - © Ullstein Bild/Imagno

Die bereits erwähnte Edition von Andreas Okopenkos Tagebüchern aus den Jahren 1949 bis 1954 entstand im Rahmen eines dreijährigen Projekts, das vom FWF gefördert wurde. Sie visualisiert das Material, d.h. sie zeigt sowohl die Originale als Faksimile, als auch eine diplomatische (also zeilengenaue) Transkription und eine Fließtext-Lesefassung.

Darüber hinaus werden die Texte erschlossen durch Suchbegriffe, ergänzende Materialien und mehrere Register. Allerdings ist die Arbeit am Apparat noch nicht beendet. Die Kommentare, Registereinträge usw. werden immer weiter entwickelt, obwohl die Tagebücher schon online gestellt wurden. Ein Buch ist irgendwann einmal fertig. Aber genau "dieses Abgeschlossene hat man digital nicht", erklärt Désirée Heben-streit, eine der Mitarbeiterinnen am Okopenko-Projekt im Gespräch. Der prinzipiell offene Charakter gehört zur Besonderheit einer digitalen Publikation.

Das wichtigste Ziel der Edition fasst Hebenstreit in den einfachen Satz: "Raus aus den Archiven, hin zum Publikum". Der demokratischen Öffnung dient nicht nur die einfache Handhabbarkeit der Edition, sondern auch die Visualisierung der Texte durch Fotos, Stadtpläne und dergleichen.

Das Prinzip Offenheit

Dieser "Ästhetik des Digitalen" traut der Projektleiter Roland Innerhofer, Professor am Germanistischen Institut der Uni Wien, erkenntnisfördernde Wirkungen zu. Er betont, dass es vor allem darum gehe, die Tagebuchaufzeichnungen, die für die Geschichte der Wiener Avantgarde von hohem Quellenwert seien, der Öffentlichkeit anschaulich zugänglich zu machen. Die Digitalisierung sei also kein modischer Selbstzweck, sondern "einfach nur ein Werkzeug", um dieses Ziel wirkungsvoll zu erreichen.

Zur prinzipiellen Offenheit der Digital Humanities gehört auch die teamorientierte Arbeitsweise. Dafür ist die Okopenko-Edition ein gutes Beispiel. Sie entstand im Zusammenwirken archivarischer, philologischer und technologischer Kompetenzen. Der physische Nachlass Okopenkos ist im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in 28 Kisten gelagert. Die wissenschaftliche Auswertung dieses Materials erfolgte in enger Kooperation zwischen dem Germanistischen Institut der Universität und dem Archiv, das von Bernhard Fetz als Kooperationspartner vertreten wurde.

Bei der technischen Realisierung des Ganzen im Netz wurde die Projektgruppe begleitet von den Expertinnen und Experten der Nationalbibliothek, auf deren Website die Edition ja auch erscheint. Zwei von ihnen, Christiane Fritze und Christoph Steindl, haben im Internet die komplexen computertechnischen Probleme beschrieben, die mit einer solchen Edition verbunden sind. Wer sich für die technische Seite der Sache genauer interessiert, sei nachdrücklich auf diesen Aufsatz verwiesen: "Digitale Editionen an der österreichischen Nationalbibliothek". Er beschreibt all das, was in diesem Artikel hier fehlt. Eine beherzigenswerte Maxime der neuen Wissenschaft heißt ja: Ein Einziger sollte nicht alles alleine machen wollen, sondern sich verlinken mit Anderen, die sich in einem bestimmten Bereich besser auskennen. Was hiermit geschehen ist.

Am Anglistischen Institut der Universität Wien ist zur Zeit ein Projekt in Arbeit, das der Okopenko-Edition prinzipiell vergleichbar ist, aber einen Autor anderer Art ins Zentrum des Interesses rückt: Wystan Hugh Auden (1907-1973), der in der englischsprachigen Welt das Renommee eines Klassikers der Moderne genießt, verlebte die letzten fünfzehn Sommer seines Lebens in seinem Ferienhaus in der niederösterreichischen Gemeinde Kirchstetten.

Dort unterhielt er enge Beziehungen zu der Schriftstellerin und Übersetzerin Stella Musulin, die ihm bei vielen Alltagsproblemen behilflich war, aber auch Texte von ihm ins Deutsche übertrug. In Musulins Nachlass fanden sich zahlreiche Briefe Audens, die vor allem interessant sind, weil er oft Entwürfe seiner Gedichte an die Freundin schickte. Diese Dokumente sollen nun in einer Edition zugänglich gemacht werden, die alle technischen Möglichkeiten der Digitalität nutzen will.

Timo Frühwirth, der am Projekt mitarbeitet, berichtet davon, dass "experimentelle bildgebende Verfahren" eingesetzt werden sollen, um "die Spuren von Audens Arbeit am Material abbildbar zu machen". So könnten sogar "Eindrücke von Gedichtzeilen im Papier, das zuvor als Unterlage unter anderen Blättern in die Schreibmaschine eingespannt gewesen ist", sichtbar werden.

Kontinuitäten

Allerdings darf laut Frühwirth dieser Einsatz modernster Verfahren nicht dazu führen, dass "traditionelle geisteswissenschaftliche Ansprüche" unterboten werden. Zwei Formen, die der digitalen Präsentation sehr entgegenkommen, nämlich der Kommentar und die Annotation, gehörten zu den ältesten Verfahren der Philologie, und die Standards und Vorgaben, die dafür über Jahrhunderte hinweg entwickelt worden seien, sollten im digitalen Umfeld ihre Gültigkeit behalten.

Monika Seidl, außerordentliche Professorin am Anglistischen Institut, die das Projekt leitet, pflichtet ihrem Schüler bei und meint im Übrigen, wenn man sich die Methoden der Digital Humanities genauer anschaue, fände man doch vieles, was aus vordigitalen Zeiten übernommen worden sei. Die quantifizierenden Verfahren seien etwa in der sogenannten "Korpuslinguistik" schon ganz ähnlich erarbeitet worden, und viele Ansätze der Kulturwissenschaften, so etwa Aby Warburgs berühmtes Inventar der europäischen Pathosformeln, seien im Grundsatz von den digitalen Analyseverfahren nicht allzu weit entfernt.

So gesehen sind die Digital Humanties zwar in vielen Details neu, aber durchaus nicht frei von Vorläufern. Man könnte sogar vermuten, dass zumindest einige Spielarten der neuen Wissenschaft die Wissens- und Denkformen der alten Buchgelehrsamkeit vor dem Verschwinden retten wollen, indem sie ihnen im Netz - dem unausweichlichen Leitmedium des 21. Jahrhunderts - einen neuen, zeitgemäßen Kontext geben.