Die vom "Wall Street Journal" als Guru gefeierte Ann Handley stellt fest: "Wenn Sie eine Website haben, sind Sie ein Verleger. Wenn Sie auf sozialen Medien sind, betreiben Sie Marketing. Und das heißt, wir sind alle Autoren." Tatsächlich wächst die Zahl der Publizierenden ständig. Begonnen hat es vor dreißig Jahren. Im November 1989 legten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau eine Seite mit Text und Links auf einen Computer und riefen die Seite mit einem anderen Rechner auf. Ort der Handlung war das Kernforschungszentrum CERN im Schweizer Kanton Genf, Ziel war die Entwicklung eines internen Informationssystems. Das wuchs sich rasch zum World Wide Web aus und umfasst heute Milliarden von Seiten.

Das gesamte elektronische Gebilde fußt auf zwei Entwicklungen der CERN-Wissenschafter: einem Protokoll namens http und der formalen Sprache HTML. Das HT steht in beiden Fällen für Hypertext. Dieses Konzept der netzförmigen und nicht-linearen Verbindung von schriftlichen und anderen Informationen hatte 1989 schon eine Geschichte hinter sich. Und es faszinierte Wissenschafter, Militärs und Ideologen gleichermaßen.

Der Belgier Paul Otlet, ein Schüler Auguste Comtes, wollte um 1900 das Wissen der Welt systematisch festhalten. Dafür übertrug er Teilinformationen aus wissenschaftlichen Werken auf Karteikarten. Aktualität sollte der Austausch der Einträge seines Mundaneums mit anderen Institutionen gewährleisten. Allerdings waren die Millionen Einträge in seinen Zettelkästen noch hierarchisch gegliedert.

Vom Leser zum Autor

Erstmals beschrieb Vannevar Bush 1945 in dem Aufsatz "As we may think" eine maschinelle "vergrößerte vertraute Ergänzung des Gedächtnisses", die er Memex nannte. Bush hatte ab 1940 in den USA die wissenschaftlichen Entwicklungen für den militärischen Einsatz koordiniert. Dementsprechend wollte er im Rüstungswettlauf mit der Sowjetunion die US-amerikanische Dominanz sicherstellen. Memex sollte eine effektive Waffenproduktion durch raschen Zugriff auf den Stand der Forschung sicherstellen.

Gleichzeitig fand in den Geisteswissenschaften eine Universalisierung des Textbegriffs statt. Für die Kultursemiotik ist Text jegliche Art von Zeichen - und als Zeichen wahrnehmbare Struktur. Darunter fallen auch Verhaltensweisen, Bräuche, Rituale, Kleidung und andere Hervorbringungen der Kultur. Um Paul Watzlawick zu paraphrasieren: Wenn wir auf ein Haus blicken, kann es nicht nicht kommunizieren.

Als einer der ersten wendete der Stadtplaner Kevin Lynch diese Sichtweise auf die soziale Praxis an. Ab 1960 untersuchte er, wie Stadtbewohner durch vielfältige Verknüpfungen innere Landkarten erstellen. Die Einprägsamkeit, also das leichte Erkennen der Strukturen, nennt Lynch das wesentliche Ziel der Stadtplanung: "Potentiell ist die Stadt an sich das gewaltige Symbol einer komplizierten Gesellschaft. Wenn dieses Symbol deutlich dargestellt wird, kommt sein Sinn auch klar zum Ausdruck."