Delikater - und lebensgefährlicher Duft: die Grünalge Ulva lactuca. - © Robert Bressani
Delikater - und lebensgefährlicher Duft: die Grünalge Ulva lactuca. - © Robert Bressani

Doch wenden wir uns lieber jener bekömmlichen Dosis Dimethylsulfid zu, die wir als "typisch meerig" empfinden: Wie im Magazin "mare" des Meeresbiologen und Verlegers Nikolaus Gelpke nachzulesen (Nr. 127/2018), gilt diese Schwefelverbindung mittlerweile gleichsam als der wissenschaftlich erwiesene, "offizielle" Duft des Meeres. Die Hamburger Kultzeitschrift hat sich in besagter Ausgabe auf unterschiedlichen Pfaden dem Duft des Meeres genähert. Eine spannende Reportage zum Beispiel entführt in die Welt der Ambra, einem Exkrement angekränkelter Pottwale, das erst jahrelang durch die Ozeane treibt, ehe es als streng riechendes - allerdings goldwertes - Strandgut kundige Finder beglückt: Dieser "Nugget" verleiht den teuersten Parfums eine unwiderstehlich animalische Note.

Was immer wir Menschen riechen, wir tun es als Mikrosmaten. Das heißt, unser Geruchssinn ist im Vergleich zu jenem anderer Lebewesen schwach ausgeprägt.

Meeres-Parfum

Dennoch gibt es unter uns Wenigriechern auch subtile "Nasen" - die Parfumeure. Geza Schön ist einer davon. Nikolaus Gelpke hat sich den Berliner Avantgardisten geangelt - als Créateur für einen eigenen "mare"-Meeresduft. Im Interview mit dem Magazin sprach Schön über die nicht geringe Herausforderung, das Maritime in einem Parfum auszudrücken. Dass hierbei Assoziationen wie "nasser Hund" eine Rolle spielen können, mag ozeanische Schwärmer vielleicht überraschen.

"Eau du Levant" lautet der Name der für "mare" kreierten Essenz, und das Magazin erläutert: ",Levant‘ bezeichnet auf Französisch den Sonnenaufgang und zugleich die Levante, den mythischen Osten des Mittelmeerraums." (Levant nennen die Franzosen übrigens auch den Ostwind des Mittelmeers.) Das mare nostrum ist allerdings nicht besonders reich an Plankton, was wiederum nicht ohne Einfluss auf den Geruch bleibt.

Erschließt sich hier eine nächste reizvolle Aufgabe für Parfümeure? Ein atlantisches Duftwasser, das den Zauber des Sonnenuntergangs, die vitalisierende Frische des grand large vermittelt? Ein "Eau du Ponant" sozusagen, das, wie das französische Wort Ponant, den Westwind im Namen führt. . . Für sein "Eau du Levant" jedenfalls setzte Creáteur Schön auf mediterrane Sinnlichkeit, auf die Geruchsfülle eines mythischen Kulturraums. Dafür schöpfte er aus einem Bouquet von balsamisch-aphrodisierenden Substanzen: Bergamotte, Mandarine, Zitrone und Basilikum ergeben die fruchtig-frische Kopfnote; Iris, Jasmin und Osmanthusblüte die orientalisch-blumige Herznote, während "in der Tiefe, in der Basisnote" Labdanum, Vetiver und Ambra wirken.

Gelenkte Sinne

Die ganze Dimension maritimer Geruchserfahrung zu erfassen, erweist sich als komplexes Unterfangen: Unsere Sinne reagieren nicht nur auf äußere Reize, die Wahrnehmung wird auch gelenkt durch Bildung, Kultur, Sehnsüchte und psychosoziale Faktoren. Gerüche bereiten allerdings ein spezielles Problem: Es fehlen uns dafür schlicht die präzisen Worte. Das Meer riecht "nach" Salz, "nach" Algen, "nach" Frische oder Fäulnis. Immerzu bedarf es eines Vergleichs, einer Assoziation.

Das erstaunliche Versagen der Sprache auf dem Gebiet der direkten Geruchsbenennung brachte uns auf den Gedanken, doch bei den Meistern des Fachs Nachschau zu halten: Welchen Wert und vor allem welches Wort eignen die Dichter dem Geruch des Meeres zu? Denn an optischen und akustischen Schilderungen des Meeres bordet die Literatur geradezu über. Dabei können die Poeten auch aus einem großen Fundus an Schallwörtern und Farbbezeichnungen schöpfen, einem Schatz an abstrakten Grundwörtern, wie er für Geruchsbeschreibungen eben weitgehend fehlt. Zumindest in den Sprachen westlicher Kulturen. Mit dem Soziologen Georg Simmel gesprochen: "Wenn wir sagen: es riecht sauer, so bedeutet das nur, es riecht so, wie etwas riecht, das sauer schmeckt. In ganz anderem Maße als die Empfindungen jener Sinne entziehen sich die des Geruchs der Beschreibung."