Von Ambra war hier schon die Rede. Wenig überraschend durchzieht dieser Meeresduft auch Herman Melvilles Wal-Roman "Mobby Dick". Kapitän Ahab erkennt ihn sofort, "diesen eigentümlichen, von einem Pottwal bisweilen auf weite Entfernung verbreiteten Geruch". Und der Autor kommentiert das legendäre Exkrement des Meeresriesen süffisant: "Wer würde wohl denken, dass die feinsten Damen und Herren sich an einem Wohlgeruch laben, den man aus den ruhmlosen Gedärmen eines kranken Pottwals holt! Und doch ist es so. (. . .) Ich behaupte: wenn der Pottwal seine Schwanzflosse hochschleudert, verströmt er ebensoviel Wohlgeruch wie eine moschusparfümierte Dame, die in einem warmen Salon ihre Röcke rascheln lässt." Wer also wissen wollte, wie Ambra riecht, sollte wissen, wie Moschus riecht. Eine spezifische Duftbenennung bleibt uns auch Melville schuldig.

Diese lexikalische Schwachstelle kommt nicht von ungefähr. Von der griechischen Antike bis weit in die Neuzeit manifestiert sich eine prinzipielle Voreingenommenheit gegenüber dem Geruchssinn. Im Falle des maritimen Geruchs kommt noch ein weiterer Faktor ins Spiel: die uralte abendländische Angst vor dem Meer, ganz besonders vor dem Atlantik.

Jenseits der Säulen des Hera-kles geht die Sonne unter, dort wohnt die ewige Nacht: Eindrücklich schildert Ernst Bloch in seinem Hauptwerk, "Das Prinzip Hoffnung", das archetypische "Westgrauen", die abendländische Urangst vor dem "Dunkelmeer". "Non plus ultra" (nicht weiter hinaus) stand angeblich auf einer der Säulen des Herakles geschrieben. Und der arabische Geograph Edrisi brachte noch das Schauermärchen vom Pestgestank des Atlantiks in Umlauf. Kurzum: Nicht nur reale Gefahren, sondern auch unzählige Mythen hielten die Menschen zum Meer auf Distanz (von Seehändlern, Kolonisatoren und Piraten einmal abgesehen) - und nährten ihre metaphysische Ehrfurcht.

Erst die Aufklärer und Romantiker schüren die Neugier auf mehr Meer. Seine Heilwirkung war nun von der Medizin erkannt. Das Bad im Meer, so das neue Mantra, befreie vom Spleen und ertüchtige den Körper. Frankreichs Nationalhistoriker Jules Michelet beschwört in seinem Werk "Das Meer" das heilsame Klima des Seebades Arcachon: "Die Pinienwälder rivalisieren an heilkräftigen Ausdünstungen mit dem Meer. Ihre harzigen Düfte sind genauso kräftigend, ohne die Herbheit des Meeres zu haben."

Doch neben dieser Herbheit empfindet Michelet noch etwas anderes: "Der Atem der See verleiht etwas unbestimmt Heiteres, Aktives, Schöpferisches, das, was man ein körperliches Heldentum nennen könnte." Es sind die Vorboten einer neuen Körperkultur. Der über Jahrhunderte als "niederer" Sinn, als triebhafte Gegenkraft zum Intellekt, zum zivilisatorischen Prozess und zur Spiritualität diffamierte Geruchssinn wird allmählich aus der Konnotation der Unmoral gelöst. Die Wissenschaft tut sich mit diesem so gar nicht messbaren, objektivierbaren Sinn aber weiterhin schwer.

Ästhetischer Bann

Auch aus ästhetischer Perspektive fällt das Urteil noch sehr negativ aus: Für Kant ist der Geruchssinn der "undankbarste" und "entbehrlichste" Sinn, der bloß mit viel Ekel konfrontiere und höchstens flüchtige Genüsse beschere. Auch sein Zeitgenosse, der französische Naturforscher Buffon, hält am Ruch des Animalischen fest, gewinnt dem Geruchssinn aber doch eine neue Seite ab: Er sei "ein Auge, das die Dinge sieht, wo sie sind - aber auch, wo sie gewesen sind".