Algenernte in der Bretagne, 19. Jahrhundert. Gemälde von Jean Julien Lemordant. - © Abbildung: Archiv
Algenernte in der Bretagne, 19. Jahrhundert. Gemälde von Jean Julien Lemordant. - © Abbildung: Archiv

Riechen und Erinnerung: eine Gleichung, lange vor dem Proust’schen Madeleine-Effekt. Bei den Romantikern kamen Düfte (als Teil der Natur) zwar als Stimmungsauslöser vor, persönliche Dufterinnerungen spielten dabei aber noch keine Rolle. Geruchsempfindungen können erwiesenermaßen nach langer Zeit wieder aufleben, wobei die auf diesem Weg - flüchtig - zurückgeholte Vergangenheit zumeist auch intensive Gefühle auslöst.

Nietzsche erteilt der alten Sinnenfeindlichkeit eine radikale Absage. Er beschwört das vorgesellschaftliche Urwesen des Menschen: "Hört’ endlich auf, den Ursprung des Menschen im Geist zu sehen, in einer ,göttlichen Natur‘: Stellt ihn wieder in den Rang der Tiere zurück!", heißt es im "Antichrist".

Im späten 19. Jahrhundert wird der Geruchssinn endlich rehabilitiert - und literarisch bedeutsam. Émile Zola schickt den zeugungsschwachen Monsieur Chabre an den Atlantik auf Napfschnecken-Kur. Madame erkundet derweilen lieber das Watt, in Begleitung eines kultivierten bretonischen Galans. Mit ihm wird sie, die Flut missachtend, Stunden in einer Felshöhle zubringen - und eine kräftige Dosis von jenem betörenden, der See entweichenden "Geruch von Fruchtbarkeit" inhalieren. Neun Monate später staunt Monsieur Chabre über die Nachhaltigkeit seiner Kur ("Die Muscheln des Monsieur Chabre").

Das Meer als Symbol des Ursprungs, der Weiblichkeit und Fruchtbarkeit begegnet literarisch auch in einer Umkehr des Geruchsreizes: die Frau duftet nach Meer. Etwa in Baudelaires Gedicht "Exotischer Duft": "Wenn ich geschlossnen Augs an einem warmen Abend/ Im Herbst den Dufthauch atme deiner heißen Brüste,/ entrollt vor meinem Blick sich eine selige Küste/ (. . .) Von deinem Duft in jene Zauberwelt verschlagen,/ Schau einen Hafen ich, wo Mast und Segel ragen,/ Noch ganz ermüdet von dem Schaukelschlag der Wellen (. . .)".

Viel später, 2005, prägt die olfaktorische Verquickung von Frau und Meer zum Beispiel auch John Banvilles Roman "Die See": Ein um seine - dem Krebs erlegene - Frau trauernder Kunsthistoriker zieht sich zurück in sein Haus an der irischen Küste, gibt sich dort Erinnerungen und Fantasien hin (ein typisches Banville-Schema); dabei wecken die Aromen des Strandes und der See Assoziationen zu erotischem Erwachen und Sinnentaumel.

Geruch von Fäulnis

Die vitalisierende Meeresbrise kann sich für Banvilles Helden unter der Bürde der Trauer jedoch erheblich entzaubern: "Die dunstige graue Abendluft fühlte sich an wie feucht gewordene Asche." Ein ähnlicher Hauch des Untergangs entströmt dem Meer in den "Wasserwelten" des Siegfried Lenz. In der schaurigen Geschichte "Die Flut ist pünktlich" schickt er einen Mann aus den Halligen hinaus ins Watt, weiter und immer weiter: "Er schritt durch den Geruch von Tang und Fäulnis, hinter Seevögeln her (. . .)."