Salz von der Île de Ré - einst Lebensgrundlage der Insulaner. - © Robert Bressani
Salz von der Île de Ré - einst Lebensgrundlage der Insulaner. - © Robert Bressani

Von Verwesung anderer Art, der Cholera, kündet ein "leis fauliger Geruch von Meer und Sumpf" in Thomas Manns "Tod in Venedig". (Auch in Gerhard Roths Roman "Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier", dem zweiten Teil seiner Venedig-Trilogie, empfindet der von düsteren Ereignissen gebeutelte Held: "Das Wasser zu seinen Füßen roch faulig".)

In Thomas Manns "Buddenbrooks" hingegen zieht Sohn Hanno im Travemünder Sommer "mit stiller Seligkeit den würzigen Atem" der See ein. Dass der Knabe dabei auch sehr ins Träumen gerät, ist eigentlich nicht im Sinne der Familie, "dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker, frisch, wild und herrlich duftender Hauch daherkam (. . .), eine gedämpfte Betäubung, in der das Bewusstsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten still selig unterging. . ."

Das Meer in seiner sinnlichen Vielgestalt ist geradezu das Leitthema im Werk des Chilenen Pablo Neruda. Er besingt es in Liebesgedichten, in "Elementaren Oden", wobei auch Gerüche des Hafens präsent sind. Albert Camus wiederum feiert in der Erzählung "Sommer in Algier" die reiche Sinnlichkeit eines Bades im Hafen: "Der ganze Vormittag ist hingegangen mit Tauchen, Spritzen, Lachen und langen Paddelschlägen um die rot-schwarzen Frachtdampfer herum: die ,Norweger’, die nach allen möglichen Holzsorten duften, die ,Deutschen’, die einen Ölgeruch verbreiten, und die ,Coaster’, die nach Wein und alten Fässern riechen."

Gestank der Moderne

Henry Beston, der amerikanische Altmeister des Nature Writing, hatte das Jahr 1926 am Cape Cod verbracht. In seinem Journal "Das Haus am Rand der Welt" bestätigt er die Dürftigkeit des Geruchswortschatzes: "Unsere literarischen Metaphern, die Gebilde unserer Poesie sind so gemacht, dass wir sie an die Wände unseres Geistes hängen können: sie sind fürs Auge gemacht."

Beston schwelgt in dem "kreatürlichen" Duftgemisch aus Meer und Pflanzenwelt, welchem mitunter ein gestrandeter Rochen "eine leicht fischige Note" hinzufügt. Und rieselt trockener Sand durch seine Finger, nimmt er "den feinen, leicht säuerlichen Steingeruch wahr, den die Hitze dem Sand entlockt". Er liebt den "deftigen Geruch von Salzgras und Ebbe" - und geißelt den Gestank der modernen Zivilisation. Doch gegen Letzteren wird ja längst - und breit - angekämpft. Man beduftet Lebensräume, macht mit Aromen "Stimmung" - und sorgt mitunter auch für vollsynthetische maritime Sinnlichkeit: 1989 hüllte man die Besucher des Pariser Filmpalastes Grand Rex bei der Aufführung des Taucherfilms "Le Grand Bleu" ("Im Rausch der Tiefe") in eine Wolke von "Meeresgeruch").

Wir halten es lieber mit Erich Fried: "Wenn man ans Meer kommt/ soll man zu schweigen beginnen/ bei den letzten Grashalmen/ soll man den Faden verlieren// und den Salzschaum/ und das scharfe Zischen des Windes/ einatmen/ und ausatmen/ und wieder einatmen".