Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Westeuropa Wohlstand und zunehmende Mobilität. Und immer mehr Menschen wollten ihre Sommerferien im Ausland verbringen. Nur: Es gab zu wenig Ferienorte, die für die Mittelschicht leistbar waren. Die Österreicher fuhren an die obere Adria, für die Franzosen war die Costa Brava in Spanien ein begehrtes Ziel, denn die Côte d’Azur war zu exklusiv und teuer.

Genauso wie man in Österreich aus Gründen der Leistungsbilanz und der Auslastung heimischer Betten den Urlaub daheim propagierte, hatte man in Frankreich ähnliche Gedanken. Dazu musste aber erst die nötige Infrastruktur geschaffen werden. Die Regierung unter General de Gaulle ging diesen Plan ziemlich professionell und radikal an: Ziel war die Schaffung einer Ferieninfrastruktur für den Mittelstand im eigenen Land.

Mit de Gaulles Kabinettschef Pierre Racine wurde ein eigener Regierungskoordinator für das Ferienprojekt bestellt, und mit Jean Balladur (1924-2002) der geeignete Architekt gefunden. Balladur war zunächst mit einem Philosophiestudium, bei dem er u.a. Jean-Paul Sartre als Lehrer hatte, ganz andere Wege gegangen. Gelegentlich publizierte er in Sartres legendärer Zeitschrift "Les Temps Modernes". Bald wechselte er jedoch zur Architektur - und damit offenbar auch die Weltanschauung, indem er sich dem Gaullismus näherte, zu einem Vertrauten und Berater von Charles de Gaulle und später von Georges Pompidou wurde.

Diese Nähe brachte seinem Architekturbüro beachtliche Großaufträge, die Balladur jahrzehntelang beschäftigten: Die Badeorte La Grande Motte ("Der große Hügel") und Port Camargue sowie ein Stadtteil des benachbarten Badeortes Le Grau-du-Roi sind seine Hauptwerke, die man wegen der einheitlichen Idee und der Größe ohne Weiteres auch als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann.

Balladur schwebte ein Konzept vor, das in den 1960er Jahren noch nicht so wirklich populär war: "L’espace urbain de La Grande Motte résulte d’une conception philosophique sur la nature de l’homme" (Der städtische Raum von La Grande Motte entspringt einer philosophischen Betrachtung der Natur des Menschen). Eine menschenfreundliche Stadt mit reduziertem Autoverkehr und zahlreichen Grünflächen sollte es werden, mit einheitlichem Erscheinungsbild der Gebäude, was zwar dem Zeitgeist entsprach, aber doch minimal differenziert, eben nicht ganz so monoton.

Überwiegender Baustoff war Beton, trotzdem sollte das Ganze weich und flexibel wirken. Einflüsse von Oscar Niemeyers Bauten in Brasilia, von Le Corbusier und Mies van der Rohe sind nicht zu verleugnen. Die ideale Stadt war - nach Balladur - für die Menschen da, die ihren Urlaub genießen wollten.