Auf einen Bahnanschluss wurde allerdings verzichtet. Die nächste TGV-Station liegt in Montpellier. So ganz ohne Autos geht’s daher in La Grande Motte leider nicht, schon gar nicht, wenn man die weitläufigen Strände rund um die Stadt erreichen will. Als Ort für den Bau der Anlagen wurden ein Terrain ehemaliger Weinkulturen und ein Sumpfgebiet etwa 30 Kilometer südöstlich von Montpellier gewählt, das erst einmal von Stechmücken befreit werden musste. Das Gebiet, bestehend aus Nehrungen, Halbinseln und Lagunen, schien wegen seiner weitläufigen Sandstrände für Ferienanlagen besonders attraktiv.

Die Form der Bauten in La Grande Motte erinnert an aztekische Pyramiden und spiegelt Einflüsse einer Mexikoreise Balladurs wider. Außerdem sollten die Pyramidenbauten einen Kontrast zur ebenen Landschaft der Camargue bilden, diese optisch auflockern und auch noch die lästigen Seewinde brechen. "L’architecture dessine un paysage" (Die Architektur gestaltet eine Landschaft), sagt Jean Balladur über die Stadt.

Betongold

In die städtische Landschaft platzierten Künstler im Auftrag Balladurs ihre Werke, wie zum Beispiel Joséphine Chevry ihre Betonskulpturen im Bereich des "Point Zéro", einem Gebiet, das den Baubeginn symbolisieren sollte. Die Stadt besteht aus einigen Hotels - auf mondäne Grand Hotels wie an der Côte d’Azur wurde aber bewusst verzichtet - und vor allem aus zahlreichen Appartements, die sich Stadtbewohner aus ganz Frankreich als Eigentumswohnung gekauft haben. Dafür werden heute Preise erzielt, die durchaus mit Wohnungen in guten Lagen in Wien vergleichbar sind. Die Wohnungen sind also auch eine Wertanlage, die durch das äußerst gepflegte Erscheinungsbild der Siedlung gesteigert wird.

Rund achttausend Menschen wohnen ständig in La Grande Motte, im Sommer sind es mindestens zehnmal mehr, dazu kommen viele Tagesgäste aus Montpellier. Der Großteil der Bewohner ist über sechzig, kommt aus der Mittelschicht französischer Großstädte und wohnt nur zeitweise im Ort. Der Bau begann in den 1960er Jahren, 1968 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig und 1971 folgte die Eröffnung des ersten Hotels. Erst 1974 wurde der Ort eine eigene Gemeinde. Etwa sechzig Architekten waren unter Balladurs Leitung mit der Planung der Anlagen beschäftigt. Auch heutige Zubauten und Erweiterungen folgen seinem Konzept.

Es gibt für La Grande Motte also viele Anlässe, den Fünfziger zu begehen. Im Vorjahr begannen die Feiern, heuer geht’s mit Ausstellungen und Veranstaltungen weiter. Heutzutage ist die Stadt - früher von so manchen verspottet - für viele schon so etwas wie eine Stilikone geworden ist. Immerhin bietet der Tourismusverein jedes Jahr Ausstellungen und Touren für Architekturinteressierte durch den zum "Nationalen Kulturerbe" ernannten Ort an.