1989 war die Geburtsstunde des politischen Europa, in dem wir heute leben. Die Revolutionen der Bürger brachten vor dreißig Jahren nicht nur den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, in ihrer Folge wandelte sich der gesamte Kontinent. Im Westen Europas wird dieser revolutionäre Umbruch vor allem der Reformpolitik des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow zugeschrieben, der Glasnost und Perestrojka.

Weitgehend unterschätzt wird indes die Rolle der Zivilgesellschaften östlich des Eisernen Vorhangs, insbesondere der polnischen Bürgerbewegung Solidarność. Die vergessene Wechselwirkung zwischen dem Freiheitskampf der Solidarność und den Reformen Gorbatschows brachte der polnische Historiker Jerzy Holzer treffend auf den Punkt: Die Geburt der Solidarność im August 1980 und ihre politischen Folgen seien, so Holzer, nach Machtantritt Gorbatschows 1985 zu einem Katalysator für die Perestrojka geworden; umgekehrt beschleunigte die Perestrojka den Wandel in Polen.

Den Reformwillen Gorbatschows nutzte die Solidarność-Führung um Lech Waęsa zu Gesprächen am Runden Tisch in Warschau, die im Februar 1989 begannen und deren Abschluss Anfang April das Tor zur Demokratisierung Polens öffnete. Die Wiederzulassung der Solidarność im April und die ersten halbfreien Wahlen in Polen am 4. Juni 1989 lösten eine Kettenreaktion aus, die im späten Frühjahr 1989 zum ungarischen Runden Tisch und im Herbst zu Massenprotesten in der DDR und der Tschechoslowakei führte. Schließlich fiel am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Es war ein symbolischer Höhepunkt einer europäischen Revolution, in der die Solidarność als Avantgarde Maßstäbe setzte, das kommunistische Regime zum Einsturz brachte und Räume der Freiheit erweiterte.

Deutsche Einheit

Der Sieg der Bürgerrevolutionen in Mitteleuropa 1989 gab den Deutschen die unerwartete Chance zur Vereinigung, die schon ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, vollzogen wurde. Die deutsche Einheit wäre nicht möglich gewesen ohne die Zustimmung der Alliierten, aber auch nicht ohne die Akzeptanz der Nachbarn. Eine Grundbedingung der Einheit war die Aussöhnung mit den westlichen und östlichen Nachbarn, vor allem mit Polen. Durch ein in die westlichen Strukturen integriertes, vereinigtes Deutschland rückte der Westen unmittelbar an die polnische Grenze. Die Solidarność-Führung sympathisierte mit diesem geopolitischen Wandel.

Die deutsche Vereinigung hatte den Rückzug der sowjetischen Truppen aus Zentraleuropa zur Folge. Moskau verlor damit die militärische Kontrolle über das östliche Mitteleuropa. Kolonien des sowjetischen Imperiums verwandelten sich in souveräne Nationen. Die Bürgerrevolutionen in Polen, Ungarn, der DDR und Tschechoslowakei verstärkten den Freiheitswillen der Völker der Sowjetunion. Außer den baltischen Nationen forderten auch andere Völker der Sowjetunion - Ukrainer, Georgier, Armenier oder Belarussen - die Rückkehr in die nationale Eigenständigkeit und pochten auf Unabhängigkeit von Moskau. Die Revolutionen in Polen, der DDR oder Ungarn konnte und wollte Moskau 1989 nicht mit Panzern ersticken. Angesichts des massenhaften Protestes der Bürger war das Risiko einer unkontrollierten politischen Krise zu groß. Aus damaliger sowjetischer Perspektive sollte der friedliche Wandel die Krisen im Herrschaftsbereich 1989 mindern und somit das Zentrum der Macht in Moskau stärken.