Der Runde Tisch in Polen, die Legalisierung der Solidarność und die Reformpolitik Gorbatschows inspirierten Chinas Jugend im Frühjahr 1989 zu gewaltfreien Protesten für die Reform des chinesischen Kommunismus. Als Ende Mai zu den Studenten Arbeiter dazustießen und sich freie Gewerkschaften formierten, begriff das Politbüro, dies sei eine gefährliche politische Mischung, die zur Geburt einer chinesischen Solidarność führen könnte. Vor dem Hintergrund polnischer Erfahrungen entschied die KP-Führung, diesen Prozess gewaltsam zu stoppen.

Avantgarde im Osten

Erich Honecker (1912-1994). - © Archiv
Erich Honecker (1912-1994). - © Archiv

Reformunwillige Altkommunisten wie Erich Honecker oder Gustáv Husák waren von der chinesischen Lösung fasziniert. Das DDR-Fernsehen zeigte nach dem 4. Juni 1989 die Bilder vom blutigen Platz des Himmlischen Friedens in Peking als Mahnung. Die Solidarność-Führung um Lech Waęsa verstand dies freilich als ein Warnzeichen. Sie mussten die polnischen Reformen vorantreiben, um keine gewaltsame Eskalation zu riskieren.

Die vergessene Bedeutung der europäischen, gar weltpolitischen Dimension von 1989 - besonders in Deutschland - erstaunt: Das vereinigte Deutschland, die Berliner Republik ist ein Kind dieser Revolution, hat von der Avantgarderolle der polnischen und ungarischen Gesellschaft stark profitiert. Doch in den wichtigsten deutschen Museen oder Bildungsinhalten ist der europäische Kontext, etwa der deutsch-polnische, des Umbruchsjahres 1989 kaum präsent.

Das Erbe der Bürgerrevolutionen ist europaweit wenig bekannt, was viele Ursachen hat: Schon unmittelbar nach 1989 hatte ich den Eindruck, der Westen Europas unterschätze die politischen Konsequenzen der Revolutionen in Mitteleuropa für den gesamten Kontinent. 1989 war ein epochales Ereignis, doch für die meisten Westeuropäer kaum mehr als ein Zusammenbruch ineffektiver politischer und ökonomischer Systeme an der Peripherie des Kontinents.

Transformation und Demokratisierung waren Begriffe, die nur die Europäer östlich der Elbe betrafen, nicht die im Westen. Dass die östlichen Europäer auch etwas Wichtiges, Neues einbrachten, ihre politische Erfahrung des Lebens in Diktaturen, ihre kulturellen Kompetenzen, ihre hohe Bildung in allen Wissensbereichen und ihre Ambitionen als neue Bürger und Europäer, wurde unterbewertet.

So hatte ich nach der deutschen Vereinigung das Gefühl, die meisten Deutschen glaubten, die alte Bonner Republik bestehe weiter, sei nach dem 3. Oktober 1990 lediglich um neue Bundesländer ergänzt worden. Die tiefgreifenden Veränderungen würden nur Berlin und den Osten erfassen, so der damalige Zeitgeist. Von der "nachholenden Modernisierung" des Ostens war oft die Rede. Der Osten müsse nun die im Westen bewährten Muster der Demokratie annehmen und den regionalen Gegebenheiten anpassen. Und es waren nicht nur die Westdeutschen und Westeuropäer, die diese Vorstellung vom Wandel teilten: Auch viele Bürger der postkommunistischen Staaten nahmen zunächst ihre Transformation als "nachholende Modernisierung" wahr. Der Zusammenbruch des Kommunismus wurde allgemein als Triumph des Westens interpretiert. Erst in den letzten Jahren begann man zu verstehen, dass eine ganz andere europäische Gemeinschaft und, im Falle Deutschlands, eine ganz neue Republik entstanden sind.