Im Westen Europas scheint diese Erkenntnis von der grundlegenden Neugeburt Europas nach 1989 sehr spät eingetreten zu sein. Und nicht alle haben deren Konsequenzen, insbesondere die EU-Osterweiterung von 2004, akzeptiert. Es artikuliert sich sogar Widerstand gegen dieses neue, größere Europa. Die antiosteuropäischen, vor allem antipolnischen Ressentiments während des Brexit-Referendums sind Zeugnis dieser Nichtakzeptanz des um neue Regionen und Kulturen bereicherten Europa - aber kein ausschließlich britisches Phänomen.

Digitale Revolution

Für die negative Stimmung im Westen sorgen nicht allein die Fremdenfeindlichkeit, die Unkenntnis des mittleren und östlichen Europa oder die Angst vor der neuen Konkurrenz. Der europakritische Zeitgeist, die Faszination für engere politische Identitäten, für neuen Nationalismus haben ihre Ursachen in einer anderen Revolution von 1989. Denn jenes Jahr markiert einen dramatischen zivilisatorischen Wandel, dessen Wirken und Folgen wir erst heute einschätzen: die digitale Revolution.

Vater der zweiten großen Revolution 1989: Timothy John Berners-Lee, Gründer des World Wide Web. WZ-Collage (Dawson/reu, Coffrini/afp)
Vater der zweiten großen Revolution 1989: Timothy John Berners-Lee, Gründer des World Wide Web. WZ-Collage (Dawson/reu, Coffrini/afp)

1989 ist das Jahr des Falls des Eisernen Vorhangs - und der Beginn des World Wide Web, der digitalen Öffnung, der Globalisierung in ihrer heutigen Form. Der britische Informatiker Timothy John Berners-Lee stellte am 12. März 1989 im europäischen Kernforschungsinstitut CERN das Konzept für eine neue Form der Datenverarbeitung und deren Vermittlung vor. Er entwickelte die Instrumente des World Wide Web - die Seitenbeschreibungssprache, den ersten Browser und ersten Server.

Vor drei Jahrzehnten wandelten sich mithin die politischen und wirtschaftlichen Systeme im Osten, änderten sich Grenzen von Staaten, überdies wurden alle Bereiche unseres Lebens von einer technologischen Revolution erfasst: die private und öffentliche Kommunikation, unser Berufsleben, das Wirtschaften, die Medien- und Kulturwelt, der öffentliche Raum insgesamt, das Funktionieren von Demokratien. Nach 1989 waren wir auf die postkommunistische Transformation Europas eingestellt, die Vertiefung der europäischen Integration und eine nachholende Modernisierung des östlichen Kontinents. Doch was kam, war eine epochale zivilisatorische Revolution, die alle Europäer betraf.

Als besonders schwierig erwies sich dieser Prozess der Veränderung für die Menschen aus dem postkommunistischen Europa. Sie mussten sich in den Realitäten einer Demokratie und der kapitalistischen Wirtschaft zurechtfinden, gleichzeitig wandelte sich die neue Welt fundamental. Vom Stress einer doppelten Transformation könnte man hier sprechen. Angesichts dieses Zusammentreffens von politischer und zivilisatorischer Revolution erinnert der Epochenwechsel von 1989 an jenen nach 1789, der Zeit der Aufklärung, Französischen Revolution und technologischer Veränderungen, die zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts geführt haben.

1989 ist ein Schlüsseldatum der Weltgeschichte und es erstaunt, wie distanziert die Europäer zu diesem Erinnerungsort stehen. Vielleicht handelt es sich hierbei nicht um eine Missachtung, sondern um eine Flucht vor den zunehmend in ihren Konsequenzen als gefährlich empfundenen epochalen Veränderungen.