Diese distanzierte kritische Haltung zu den Folgen von 1989 ist in Gesamteuropa anzutreffen, auch an den Quellen der Revolution. Es ist weniger die Unzufriedenheit mit den ökonomischen und sozialen Folgen der nachkommunistischen Transformation, die antidemokratische, rechtspopulistische, fremdenfeindliche Stimmungen erzeugt. Vielmehr ruft der Wunsch nach Schutz vor einer radikaler als erwartet eingetretenen zivilisatorischen Veränderung extreme politische Haltungen hervor. Im Westen ist die Distanz zu den neuen Europäern, die Sehnsucht nach dem alten, kleineren Westeuropa Ausdruck der neuen politischen Radikalität. Und im Osten ist es eine Distanz zum multikulturellen, kosmopolitischen Teil Europas, dem "politisch naiven", weil auf Toleranz setzenden, gegenüber östlichen Traditionen kulturell ignoranten Westeuropa, das die Rechtspopulisten pflegen.

Dieser Nationalismus wiederum bestätigt viele Westeuropäer in der Annahme, es gäbe eine natürliche Grenze für die Demokratie und politische Rationalität in Europa, und diese ende traditionell an der Elbe, entlang des alten Eisernen Vorhangs. Diese Vorstellung nützt nur den Autokraten und Nationalisten als Legitimierung ihrer Politik des Abschließens, der Betonung der Distanz zum Nachbarn. Die prägenden politischen wie kulturellen Konfliktlinien verlaufen heute aber nicht entlang der Grenzen, sondern durch die Gesellschaften.

Orbanisierung Polens

Polen ist ein gutes Beispiel dafür. Mit ihrer nationalistischen Rhetorik und zivilisatorischen Kritik der westlichen Werte will die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Orbanisierung Polens vorantreiben - und erreicht unerwartete Rekordzustimmung. Aus Angst vor der Erosion ihrer institutionellen Autorität als Folge einer kulturellen Öffnung der Gesellschaft unterstützt die katholische Kirche die rechtspopulistische Politik der PiS.

Dieses Bündnis wird der Partei vielleicht kurzfristig die Macht sichern, langfristig aber das gesellschaftliche und kulturelle Klima vergiften. Denn der Widerstand gegen die Orbanisierung Polens ist groß, ganz besonders in den städtischen Räumen und im Westen des Landes. Dieser Teil der polnischen Gesellschaft will sich von Europa und den Idealen der Revolution von 1989 nicht abwenden, doch das Lager ist extrem pluralistisch, reicht von kapitalismuskritischen Linken zu konservativen Christen. Eine gemeinsame politische Agenda ist auf dieser Basis schwer herzustellen.

Zwischen der PiS-Partei und ihren Gegnern findet ein erbitterter Streit um die Interpretation der politischen Traditionen statt. Um ihre rechte, antiliberale Revolution zu legitimieren, stellt die PiS die Glaubwürdigkeit der Solidarność-Autoritäten Lech Waęsa, Bronisaw Geremek, Wadysaw Frasyniuk, Bogdan Borusewicz oder Tadeusz Mazowiecki infrage, kritisiert die Politik der Kompromisse von 1989. Sie diskreditiert den Runden Tisch als Zusammentreffen der Machthaber mit ihren Agenten. Diese Infragestellung der Werte der Revolution von 1989 wirkt sich auch auf die außerpolnische Wahrnehmung negativ aus. Das Vertrauen vieler Europäer gegenüber rechtspopulistisch regierten Ländern Mitteleuropas sinkt, genauso wie die Identifikation mit deren politischen Traditionen.

Europäisches Narrativ

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, schrieb George Orwell im Roman "1984". Der Streit um die Deutung des Revolutionsjahres 1989 ist zugleich der Streit um die Zukunft der Demokratie. Das zeigte sich, als diesen Juni 220.000 Menschen nach Danzig kamen, um der ersten halbfreien Wahlen in Polen zu gedenken. Es war eine gesellschaftliche Bewegung gegen die Diskreditierung der Politik des friedlichen Wandels 1989 - und ein Plädoyer für ein weltoffenes, tolerantes, demokratisches Polen.