Auch auf europäischer Ebene entscheiden wir mit der Deutung der Geschichte über die Zukunft des Kontinents. Europas politische Integration erschweren Defizite im Wissen um demokratische Traditionen - und das Fehlen einer Erzählung, die alle Teile des Kontinents umfasst. Im Westen dominiert noch das Narrativ einer Integration, die ihre Grundlagen in der westdeutsch-französischen Versöhnung und den Römischen Verträgen 1957 hat. Die Kulturen und Zivilgesellschaften des östlichen Europa, die zu den Revolutionen von 1989 geführt haben, sind in dieser Erzählung kaum präsent.

Diese gravierende Lücke in der europäischen Identität hat Aleida Assmann in ihrem neuesten Buch, "Der europäische Traum", treffend analysiert. Sie bietet eine Perspektiverweiterung auf die Nachkriegsgeschichte des Kontinents an, ein gesamteuropäisches Narrativ, und deutet die europäische Integration als einen von zwei grundlegenden Daten - 1945 und 1989 - geprägten Prozess. Als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und die Ermordung der Juden sei nach 1945 eine neue Wertegrundlage und antinationalistische Vision von Europa formuliert worden. Nach 1989 hätten die Gesellschaften Osteuropas die Erfahrung von 40 Jahren Sowjetdiktatur hinzugebracht: "Ohne ein gemeinsames Wissen von der doppelten Gründung Europas (. . .) kann Europa nicht existieren, keine Krisen bewältigen und sich nicht erneuern. Ohne eine europäische Verständigung über diese Geschichte und ihre bis heute anhaltenden Folgen ist es unmöglich, einen gemeinsamen Richtungssinn, und nichts anderes heißt ja Orientierung - in der aktuellen Krise zu entwickeln und eine gemeinsame Zukunft zu gewinnen."

Die Kenntnis der Traditionen und die Bewältigung von Krisen sind zwei miteinander zusammenhängende Kompetenzen. Ohne ein europäisches Geschichtsbewusstsein gibt es keine demokratische Zukunft Europas.