Der Brand in der Kathedrale Notre-Dame war kaum gelöscht, da war Victor Hugos Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" schon in den Bestsellerlisten. Was der Romancier im Jahre 1831 veröffentlichte, liest sich in seiner Atemlosigkeit wie der Live-Kommentar eines Reporters: "Aller Augen hatten sich nach der Höhe der Kirche erhoben. Was sie da sahen, war etwas Ungewöhnliches. Auf dem Gipfel der höchsten Galerie, hoch oben über der Mittelrosette, war eine große Flamme zu sehen, die zwischen den beiden Glockentürmen mit Funkenwirbeln aufstieg, eine große, prasselnde und grimmige Flamme, von welcher der Wind zeitweilig eine Funkenwolke im Rauche davontrug." Hatte Hugo alles vorhergesehen? Hatte er, der große Literat, der einmal sagte, Geschichte sei ein Echo der Vergangenheit in der Zukunft, die Katastrophe prophezeit?

Gerade in Krisenzeiten, wo die Grande Nation taumelt und die Populisten lärmen, hört Frankreich auf seine Literaten. Als zu Beginn des Jahres Michel Houellebecqs neuer Roman "Serotonin" herauskam, war in der Literaturkritik ein Knistern zu spüren. Welches Ereignis würde der Romanautor diesmal vorhersagen? Am 3. September 2001, wenige Tage vor den Anschlägen des 11. September, erschien sein Roman "Plattform". Darin geht es um Sextourismus in Thailand, und, wie in allen seinen Werken, um die Vergeblichkeit des Daseins. Am Ende des Romans kommen bei einem islamistischen Anschlag in einem Nachtklub 117 Menschen, darunter viele Touristen, ums Leben.

Im Oktober 2002 sterben 202 Menschen bei einem Terroranschlag auf Bali. Am 7. Jänner 2016, dem Erscheinungstag von Houellebecqs sechstem Roman, "Unterwerfung", in dem er die Dystopie eines islamischen Gottesstaats in Frankreich entwirft, ereignet sich der Terroranschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo", das den Autor auf das Cover hob. Seitdem gilt Houellebecq als
Prophet.

Auch bei "Serotonin" suchte die Literaturkritik nach Szenen, die die politischen Ereignisse antizipieren - und wurde fündig: Gegen Ende der Erzählung blockieren bewaffnete Bauern aus der Normandie aus Protest gegen die Kürzung der Agrarsubventionen die Autobahn nach Paris, CRS-Spezialkräfte intervenieren, es fallen Schüsse, neun Landwirte werden getötet. Die Kritik wertete diese Szene als Vorwegnahme der Gelbwesten, die landesweit Kreisverkehre blockierten, wobei es, sehr selten für eine soziale Bewegung, insgesamt zehn Tote gab.

Houellebecq wurde vom Feuilleton als "Prophet der Gelbwesten" gefeiert. Dem Romancier werden seherische Fähigkeiten zugeschrieben, er gilt als visionär, was den defätistischen und reaktionären Sound seiner Bücher kontrastiert, den die Kritik darin hören will. Ist Houellebecq ein Hellseher? Oder einfach nur ein wachsamer Chronist?