Brooklyn, natürlich! Der Name fällt, wenn es um unerhörte Musik geht, um Videokunst und Craft Beer, angesagte Lokale zu ebener Erde und Imker auf dem Dach. Ist von Vorbildern der hiesigen Hipster-Enklaven die Rede, dann denken wir vielleicht auch an Berlin, aber Berlin hatte Brooklyn vor Augen (mittlerweile allerdings fast umgekehrt, dazu kommen wir noch). Seit gut zwei Jahrzehnten herrscht ein Hype um das Viertel, den sich ein City-Branding-Konsulent nicht besser hätte ausdenken können.

Aber es war kein Konsulent, es war die U-Bahn. Genauer gesagt die Linien L, J, M und Z, die kürzesten Verbindungen zwischen Manhattan und dem Bezirk jenseits des East River. Und das kam so: In den Gegenden von Manhattan, in denen die Subway ihre Stationen hatte, im East Village und der Lower East Side, war das Leben immer teurer geworden.

Künstler, Studenten und Alteingesessene, die hier wohnten, führten einen langen Kampf gegen die Immobilienbranche, den diese wie immer in New York gewann, und die Gentrifizierung spülte die Bewohner weg. Jenseits des Flusses, nur ein paar Minuten Zugfahrt entfernt, fanden sie erschwinglichen Raum für sich und ihre Ateliers und Studios - viele Häuser, niedrige Ziegelbauten, sahen dem alten Village sogar ähnlich. Mitte der Neunzigerjahre waren rund 3000 Künstler zugezogen.

Sie wohnten im nördlichen Teil von Williamsburg, einem Brooklyner Stadtteil. Im südlichen Teil leben rund 70.000 orthodoxe Juden, und ganz Williamsburg macht knapp drei Prozent der Fläche von Brooklyn aus. Ein großes Missverständnis also zu glauben, was in Williamsburg gespielt wird, wird im ganzen Bezirk gespielt. Diese Agglomeration auf Long Island ist mehr und anders und vielschichtiger, als der Hype es vermuten lässt. Schauen wir uns ihre Geschichte an, um sie besser zu verstehen.

Sie beginnt - nein, nicht mit den Holländern. Die haben Mitte des 17. Jahrhunderts den indigenen Stämmen der Lenape das Land am Fluss erst abgehandelt, ebenso wie die Insel Mannahatta auf der anderen Seite. Dort gründeten sie Nieuw Amsterdam, hier das Dorf Breuckelen. Ihre Herrschaft währte nur einige wenige Jahrzehnte, dann wurden die Orte und ihre Namen anglisiert und schließlich Teil des Staates New York.

Dörfer in der Stadt

Die Brooklyner hatten viel Zeit und Raum zu expandieren - fast 15 Kilometer sind es vom East River nach Süden bis zum Atlantik. Farmen und Felder wichen erst im 19. Jahrhundert der wachsenden Bevölkerung. Wellen von Einwanderern - zunächst vor allem Nordeuropäer, später Iren, Italiener und Juden - siedelten sich an und bildeten eigene Dörfer innerhalb der wachsenden Stadt. Die blieb eigenständig, auch noch 1883, als die Brooklyn Bridge eröffnet wurde. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert allerdings wurde sie eingemeindet und einer der fünf Bezirke, Boroughs, von New York City - eine Tatsache, die bis heute, Generationen später, die Gemüter mancher Brooklyner erregt.