Eine Hütte als Schaffensort der Weltphilosophie. - © Stadler
Eine Hütte als Schaffensort der Weltphilosophie. - © Stadler

Im Spätsommer 1912 macht Wittgenstein mit seinem Freund David Pinsent eine vierwöchige Reise nach Island, die ihn voll befriedigt: Die unberührte Natur, das Diskutieren nur mit dem Freund, die Sicherheit, dass der Vater die nicht unbeträchtlichen Reisekosten für beide trägt. 1913 möchte er diese Erfahrung wiederholen, diesmal in Norwegen. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass seine Schwester Margarethe ihre Übersiedlung nach England angekündigt hatte. Das erst 1905 von Schweden getrennte Norwegen erlebt in jenen Jahren einen Aufschwung: die Musik von Edvard Grieg, die Dramen von Henrik Ibsen, die Polsucher Nansen und Amundsen wurden berühmt, die Fjord- und Berglandschaft an der Westküste zieht vor allem Deutsche an, bis hin zu Kaiser Wilhelm II.

Im September bereitet Wittgenstein seine Reise, wieder mit Pinsent, vor. Als er seine Absicht Russell mitteilt, warnt ihn dieser:"I told him it would be dark in Norway, but he said he hated daylight. I told him he would be lonely, but he said that to speak to intelligent people was the same as selling his soul. I told him he was crazy, and he asked God to protect him against being normal. (I’m convinced his prayer will be answered.)"

Am 14. Oktober in Bergen angekommen, sucht er den k.u.k. Honorarkonsul auf, um einen geeigneten Rückzugsort im Landesinneren zu erfahren. Der, ein Handelsmann, rät ihm zu Skjolden im innersten Sognefjord, gut 300 km von Bergen entfernt und nur mit dem Schiff, in rund zehn Tagen, erreichbar. In Skjolden hat der Konsul Lieferanten von Beerensaft und Eisblöcken, bei denen die Fabriken gerade schlecht gehen, und es seien in einem der wenigen größeren Häuser des 300-Seelen-Ortes Zimmer frei.

Und einige hätten dort Englischkenntnisse, da im Sommer englische Bergsteiger auf ihrem Weg zu den höchsten Bergen Norwegens, den vergletscherten Gipfeln von Jotunheimen, durchkommen. Wittgenstein sagt die Lage zu; er kommt im November im dunklen Skjolden an. Es gefällt ihm, er beginnt von den Einheimischen Norwegisch zu lernen, an Notizen zur Logik zu arbeiten und zu musizieren (Noten von Brahms und Schubert hat er stets im Gepäck). Für Weihnachten bricht er zur mühsamen Reise nach Wien auf, um der Mutter nach dem Tod des Vaters nahe zu sein.

Sucht nach Stille

Zurück in Skjolden, lädt er für den April 1914 Professor Moore aus Cambridge ein und diktiert ihm "Logische Notizen". Als es Frühling wird, die Arbeiten in den beiden kleinen Fabriken in Skjolden wieder beginnen und britische Touristen im Ort Quartier nehmen, sucht Wittgenstein einen neuen Fluchtpunkt, wo er wirklich allein sein kann und es absolut ruhig ist. Mehrere Vorschläge verwirft er, da in der Nähe Ziegen weiden. Endlich findet er einen Platz, der seiner Sucht nach Stille und Einsamkeit entspricht: Hinter Skjolden liegt der zwei Kilometer lange Eidsvatnet, ein kleiner See, an dem nur ein Pfad vorbeiführt, und jenseits dessen gibt es am Steilhang eine ebene Stelle, auf die ein kleines Häuschen passt.

Er entwirft ein einfaches Holzhäuschen und betraut einen einheimischen Handwerker mit dem Bau, ihm genügend Geld hinterlassend. Im Herbst möchte er es beziehen. Den Sommer verbringt er wieder in Wien und im Familiengut Hochreith in St. Ägyd, auch um Finanzangelegenheiten zu ordnen: Er spendet hohe Summen für Künstler und Kanonen.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet Ludwig sich freiwillig. Er wird bei der Artillerie in Galizien und später auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden an der Südwestfront eingesetzt - kommt 1918 in italienische Kriegsgefangenschaft. Während des Krieges kann er sich mit Deckadressen über die Fertigstellung seines Cottages in Skjolden informieren, muss aber auch erfahren, dass David Pinsent als Testpilot mit einem Flugzeug der British Air Force abgestürzt ist. Den "Tractatus" hat er im Urlaub in Hochreith fertigstellen können, gibt ihn aber, stets zweifelnd, nicht zur Veröffentlichung frei.>

Nach zwei Episoden als Volksschullehrer in der Buckligen Welt und dem Verschenken seines Vermögens an seine Geschwister kehrt er 1929 doch wieder nach Cambridge zurück, kann dank des "Tractatus" sein Studium abschließen und Vorlesungen halten. Ab 1936 kann er endlich in seinem Häuschen wohnen, wenn auch gestört durch den Lärm der Straßenbauer am anderen Ufer des Sees, und unterbrochen durch Reisen in einsame Gegenden Irlands. 1951 stirbt Wittgenstein in Cambridge, als englischer Staatsbürger.

"Wiedereröffnung"

Das Cottage hat er noch verkauft. Es wird abgebrochen, mühsam im Winter über den gefrorenen See nach Skjolden gebracht, dort am Ortsrand leicht verändert wiederaufgebaut und zum Wohnhaus eines Einheimischen. 2014 steht es vor dem Abbruch - Einheimische und lokale Politiker gründen eine Stiftung. Sie kann schließlich mit einem Aufwand von rund einer Million Euro (darunter auch Zuwendungen unserer Botschaft in Oslo und der OMV, die in Norwegen an Ölfeldern beteiligt ist) die Bauelemente abtragen, ergänzen und das Holzhaus am alten Platz, dem seinerzeit der Name "Østerike", Austria, gegeben wurde, wieder aufbauen, wie von Wittgenstein entworfen.

Beteiligt ist die ganze Gemeinde Luster, mit 2200 km² eine der größten Südnorwegens. Am 20. und 21. Juni 2019 fand in Skjolden nicht nur die "Wiedereröffnung" des "Huset" statt, sondern auch ein Seminar über die Bedeutung dieses Schaffensortes für die Weltphilosophie. Beteiligt war vor allem die Universität Bergen, in deren "Wittgenstein-Archiv"
(Internet: wab.uib.no) alles Schriftliche Wittgensteins digitalisiert frei zur Verfügung steht - mit ständig weiter verfeinerten Suchmöglichkeiten.

Darüber hinaus wurden norwegische Künstler zur bildhauerischen Umsetzung von Wittgensteins Gedanken und Leben eingeladen, und ihre Skulpturen stehen, erklärungsbedürftig, heute in der Landschaft Skjoldens. In Wien könnte man sich in der von ihm für seine Schwester entworfenen "Wittgenstein-Villa" in der Kundmanngasse an ihn erinnern - doch diese gehört dem bulgarischen Staat. Wien hat noch keine Wittgenstein-Gedenk- oder -Studienstätte, eine vor Kurzem gegründete "Wittgenstein Initiative" ist darum aber eifrig bemüht.